Theatergruppe am Nabburger Gymnasium spielt
Moral gilt – aber welche?

Ob ein Gästebuch, in dem die Bordell-Besucher stehen, dazu dienen kann, die Männer als Zeugen zu vernehmen, erweist sich als problematisch.
Kultur
Nabburg
21.03.2016
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Zwar gibt es heute keine "Sittlichkeitsvereine" mehr, wie zu Ludwig Thomas Zeiten. Dass aber der Begriff der Moral damals wie heute bestimmten Umständen geschuldet ist, hat Thoma 1909 in seiner gesellschaftskritischen Komödie "Moral" nachgewiesen.

Dasselbe zeigte Lehrerin Julia Meidinger samt ihrer rührigen Theatergruppe am Nabburger Gymnasium in ihrer Textfassung "Moral 2.0" frei nach Thoma auf. Wenn Madame Ninon de Hautville (Michaela Rieger in exzeptioneller Rolle) wegen ihrer Tätigkeit als oberste Animierdame des örtlichen "Etablissements" verhaftet wird, muss es Männer gegeben haben, die als Gäste ihre rührigen "Privatdamen" (Anna Ibler, Sophia Schmerber, Rebecca Marseck - wild und schön) besucht haben.

Ob ein bei ihr beschlagnahmtes Gästebuch, in dem die Besucher aufgelistet sind, dazu dienen kann, die Männer als Zeugen zu vernehmen, erweist sich als sehr problematisch, da womöglich Besucher enttarnt werden könnten, deren gesellschaftliches Ansehen darunter leiden würde, die aber keinesfalls kompromittiert werden dürfen.

Der Chef des örtlichen Sittlichkeitsvereins und Bundestagsabgeordnete Fritz Beermann (Michael Kumeth - glaubhaft hin- und hergerissen) befürchtet negative Auswirkungen, wenn herauskommt, wer alles (einschließlich ihm) schon in besagten Hinterzimmern war.

Seine Ehefrau Linda Beermann (Andrea Schlosser - sehr ernsthaft) ist traurig und angesäuert über die Entwicklung der Ehe. Die Freundin der beiden, die örtliche Bundestags-Kandidatin Frau Lund (glaubhaft Julia Rehorz) lässt angewidert den Spruch ab: "Seelische Nuditäten sind ekelhaft, nicht die körperlichen". Für sie ist die Situation untragbar.

Die Handlung wird in etlichen Gesprächen weitergeführt. Dabei kristallisiert sich immer mehr die Frage heraus, ob Madame de Hautville ihre Notizen im Verhör an Polizistin Anna von Simbach (Natalie Fischer wie eine fernsehgeübte Verhörspezialistin) weiterreichen wird. Sie tut es erst dann, als sie dafür Gegenleistungen erhält, mit denen aus guten Gründen auch Unternehmer Adolf Bolland (Peter Schichtl), Staatsanwalt Dr. Hauser (Nicolas Schreiber) und Oberstudienrat Dr. Wasner (Nicolai Bruckner) einverstanden sind.

Da könnte man doch glatt an die Fifa denken! Erschreckend, wie aktuell so manche Denkweisen und Handlungsarten, wie sie Thoma darstellt, auch heute noch sein können. In lockeren Dialogen mit passenden Pointen wird die Gattung "Komödie" bei Thoma wie bei Meidinger glaubwürdig. Die Flüchtlingsproblematik ist angedeutet, mittendrin schreit ein Protestchor "Mit uns Deutschland!".

Und wenn die "Puffmutter" am Ende ihre Notizen nicht zur Veröffentlichung, sondern gegen Schweigegeld übergibt, lautet ihr Fazit "Scheißmoral". Julia Meidinger, den verschiedenen Charakteren auf der Bühne und den diversen Akteuren neben der Bühne ist eine packende Übertragung der Absichten Thomas von seinen Zeitläufen in unsere Zeitumstände gelungen, das zeigte auch der lange und intensive Schlussbeifall.
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