Tippical mit Donauwalzer im Glas
"Nabburgtheater" begeistert mit Franz Wittenbrinks "Sekretärinnen"

Ein Schreibpool mit Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Jede glänzte in ihrer Rolle. Das Ambiente des Stadtmuseums eignete sich hervorragend für das "Tippical". Raffinierte Lichteffekte taten das ihrige dazu. Hut ab vor Cosima Wittenzellners Regiearbeit. Bilder: Baehnisch (3)
Kultur
Nabburg
15.02.2016
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"Respect" fordern die sieben Sekretärinnen trotzig, als sie dem Publikum aus dem Großraumbüro des Stadtmuseums den Aretha-Franklin-Song entgegenschleudern. Das kann man gerne zurückgeben: Respekt!

Vom "Tippical" des "Nabburgtheaters" bekamen diejenigen, die eine Karte ergattert hatten, auch nach 30 Liedern nicht genug. Cosima Wittenzellner hatte sich mit Franz Wittenbrinks "Sekretärinnen" auf Neuland gewagt. Sie inszenierte eine, als szenischer Liederabend getarnte liebevolle, ironisch-spritzige "Menschenbeobachtung". Seit April letzten Jahres liefen die Proben. Die Namen auf dem Flyer waren dem Publikum schon aus diversen Theateraufführungen bekannt. Doch dass diese Frauen so stimmgewaltig singen können, hätte keiner vermutet. Gerald Igl und Lilo Troidl hatten das Großraumbüro "möbliert", die Heldinnen des Alltags betraten die Bühne. Alle leben ihr Leben an der Schreibmaschine, jedes ist anders, auch wenn in der Pause der Donauwalzer im Gleichklang rhythmisch im Glas gerührt wird. Ute (Czichon) ist die literatur versessene, bieder-strenge Bürovorsteherin. Die "schwangere" Pia (Schwandner), für die es á la Hildegard Knef "rote Rosen regnen soll", streicht sich Sahne auf Essiggurken, das verträumte Flowermädchen Maria (Bruckner) wäre gerne das "Mädchen aus Piräus", und Petra Niedermeier gibt den männerverschleißenden Vamp. Die von Männern enttäuschte Marion (Schärtl) zerreißt das Bild von David Hasselhoff, singt "ich bin stark" und Franziska Niebauer, der Punk in der Riege, ist "zu geil für diese Welt". Renate (Gresser) hat ihre Glanzrolle als mit Klunkern überladene sexy Mittvierzigerin, die vor dem Chefdiktat zum Mundspray greift.

Florian Klein am Klavier und die "Nasty Royals" begleiten die Lieder gefühl- und kraftvoll. Typewriter-Symphonie: Im Gleichklang klappern die antiquierten Schreibmaschinen, eigentlich ein Anachronismus in Zeiten von PC und Laptop. Aber im Büro ist die Zeit stehengeblieben. Zeitlos hingegen der Alltag: Die "Tippsen" persiflieren, was das Zeug hält, bringen kleine Spötteleien und Eifersüchteleien ebenso auf die Bühne wie Mitgefühl und Solidarität. Die gar nicht grauen Büromäuse erzählen singend und selbsterklärend von ihren Konflikten, Sehnsüchten und Gefühlen. Sie bedienen sich aller musikalischen Genres, vom Schlager und Evergreen bis Rap und Rock.

Kein Halten mehr


Zwischen Büro-Routine und dem Traum vom Märchenprinzen entwickelt sich eine explosive Mischung, als der Bürobote - köstlich von Andreas Pschierer in Szene gesetzt - das graue Mäntelchen auszieht und die mit Eros-Ramazotti-Schmalz eingeriebene Brust zeigt. "Se bastasse una canzone" es gibt kein Halten mehr. Die Frauen grapschen, das Publikum tobt. "It's a man's world" - weiß der Bote, wissen die Frauen. Und wenn auch mal die Schreibmaschinen fast fliegen, die Sekretärinnen könnten ohne nicht leben: Denn das "Rückstelltastenregulatorabstandseinstellrad schnurrt so schön, wenn ich ganz sacht am Hebel drück' ". Komplimente gabs nach eineinhalb Stunden von allen Seiten. Schade, dass alle weiteren Aufführungen ausverkauft sind.
Das Rückstelltastenregulatorabstandseinstellrad schnurrt so schön.Sekretärin Pia
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