Auf der Suche nach den Wurzeln

Er hat 1100 Menschen eine ebenso lehrreiche wie packende Vortragsstunde beschert. Als Beifall aufbrandet, lächelt Anselm Grün und ist zufrieden. Kürzer treten? In wenigen Wochen wird er 70 Jahre alt. Doch seine Mission ist längst nicht beendet. Bilder: hou (2)
Lokales
Nabburg
18.11.2014
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Wer schafft es, gemeinsam mit 1100 Menschen in einer eher nüchternen Halle zu meditieren und zu beten? Wem gelingt es, seine Zuhörer von der ersten bis zur letzten Sekunde zu fesseln? Das kann nur einer: Anselm Grün, Benediktinerpater aus Münsterschwarzach.

Hat es das in der Nordgauhalle schon einmal gegeben? Massenandrang, kein leerer Platz. "Ich bin sprachlos", sagt Bürgermeister Armin Schärtl in einem Grußwort. Der von ihm willkommen geheißene Gast heißt Dr. Anselm Grün, Autor von unterdessen 300 Büchern und bundesweit so bekannt, dass es keinen freien Platz gibt, wenn er kommt. Ganz unauffällig hat er sich auf seinen Stuhl gesetzt. Eine Art Triumphmarsch ist ihm fremd bei seinen Auftritten. Und doch haben es angereiste Popstars, die in diesem Gebäude neben der Naab gastierten, nie zu einem solchen Publikumsinteresse gebracht.

Der promovierte Geistliche, am 14. Januar nächsten Jahres 70 Jahre alt, ist von der Raiffeisenbank im Naabtal eingeladen worden. Eine Organisation, deren Wurzeln dort lagen, wo sich Menschen zwangsläufig zu Genossenschaften vereinten, um Wucherzinsen zu entgehen. Über Wurzeln spricht auch Anselm Grün - jeder Satz druckreif, jedes Wort der Friedfertigkeit und dem zwischenmenschlichen Ausgleich zugeneigt. Keine Schärfe. Es ist, als säße man eine Stunde lang im Kreis derjenigen, die das Abendmahl teilten. Dabei lässt dieser Mann keinen Zweifel an der These: Es gibt nur einen Gott, der alles richten wird.

Neue Früchte

Keine Vorschrift von Glauben, die man in diesem Bistum so oft bekam. Stattdessen die Besinnung auf Wurzeln. "Wurzellosigkeit is oft der Grund von Depressionen", lässt Pater Anselm erkennen. Doch er macht Mut: "Aus abgetrennten Stämmen wachsen neue Reiser." Und er fährt fort: "Wenn die Wurzel gut genug ist, blüht vieles wieder auf." Daraus resultiert eine Botschaft: "Wir brauchen Wurzeln, damit die Saat aufgehen kann und unser Leben neue Früchte bringt."

Der Mönch aus dem fränkischen Münsterschwarzach schöpft seine Erfahrungen aus unzähligen Gesprächen mit Geschundenen, Missbrauchten, Enttäuschten. Er erinnert an die Gleichnisse Jesu und erwähnt den Feigenbaum, der keine Frucht trug und deshalb, weil im Weinberg stehend, weg sollte. "Man gab ihm noch ein Jahr, bereitete den Boden neu. Und er trug Früchte."

"Der Geschützte"

Der Pater erzählt von seiner eigenen Familie, lenkt eher beiläufig den Blick auf Namen. Er rät zur Erforschung von Vornamen. Als "Wilhelm" getauft, nahm er beim Ordenseintritt "Anselm" an. Das bedeutet: "Der Geschützte". Eine, wie er bekennt, "wichtige Botschaft für mich." Wurzeln also, bei denen es sich lohnt, auf Spurensuche gehen, um damit innere Zufriedenheit wieder zu finden. Dass es dauerhaft enttäuschte Menschen gibt, bereitet Anselm Grün Sorge. Er rät ihnen an diesem Abend zur Vergebung ("Ein Akt der Selbstbefreiung"), sagt anschließend diese Sätze: "Jeder von uns macht Fehler. Aber unter uns muss ein Raum sein, in dem Schuldgefühle keinen Platz haben."

Danach meditiert Anselm Grün mit seinen Zuhörern. Er betet mit ihnen und es wird deutlich: Da ist einer, der die Frohbotschaft so verkündet, dass sie von den Menschen verstanden wird. Nie schulmeisterhaft und Widerspruch kraft Amtes und Selbstherrlichkeit nicht duldend. Vielmehr als einer unter vielen. Aber mit einer schier unglaublichen Intelligenz und Liebenswürdigkeit auf seinen Verkündungsweg geschickt.
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