Ehemaliger Verteidigungsattaché spricht beim Männerverein - Demokratisierung fällt schwer
Mehr Unruhe aus der arabischen Welt

Oberst a.D. Reinhold Waldecker. Bild: hfz
Lokales
Nabburg
27.04.2015
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"Zwei Stunden wird es schon dauern", kündigte Oberst a.D. Reinhold Waldecker an, als er beim Männerverein zum brisanten Thema "Die arabische Welt im Umbruch - Vom Frühling 2011 zum Chaos 2015" sprach. Der Referent, ehemaliger Verteidigungsattaché an der deutschen Botschaft in Algier, Tunis und Kairo, erwies sich als tiefgründiger Analytiker und Kenner der arabischen Welt. Kurzweilig, detailreich und eloquent schilderte er die chaotische Lage in den arabischen Ländern am Südrand des Mittelmeeres.

Große Schuld daran hätten auch die westlichen Länder. Viele Staaten in Nordafrika sind nämlich ehemalige Kolonien europäischer Großmächte. Diesen ging es um politische und wirtschaftliche Interessen, um Uran, Gas, Öl, Gold und andere Bodenschätze. Nach der Entlassung dieser Länder in die Unabhängigkeit entstanden absolutistische Monarchien oder Diktaturen. Staatsgrenzen wurden gezogen ohne Rücksicht auf ethnische, sprachliche oder religiöse Unterschiede. Dabei sind viele dieser Länder eigentlich Vielvölkerstaaten, zusätzlich aufgesplittert in Clans und Stämme. Syrien zum Beispiel nennt der Referent eine "Missgeburt von Anfang an". Ein solches Gemisch könne man nicht zusammenpacken.

Waldecker arbeitete eine ganze Reihe von Faktoren heraus, die 2011 zum Beginn der Revolution, dem sogenannten "arabischen Frühling" führten. Dies sind: starkes Bevölkerungswachstum, hohe Arbeitslosigkeit, Korruption, Vetternwirtschaft, soziale Ungerechtigkeit, ungleiche Bildungs- und Aufstiegschancen, politische Repression. Es bedurfte daher nur eines Funkens, um dieses hochexplosive Gemisch zur Zündung zu bringen. Die Selbstverbrennung eines jungen Ingenieurs in Tunesien führte zu einem Flächenbrand, der nach und nach viele arabische Länder erfasste. Dabei ging es weniger um Demokratie, sondern um Freiheit, Gerechtigkeit und Zukunftsperspektiven.

Islamistische und bisher unterdrückte politische Kräfte stießen in dieses Machtvakuum. In Lybien gebe es mehr als 100 Milizen, die oft auch untereinander verfeindet sind. Auch Nachbarländer und die Großmächte versuchen ihre Interessen zu wahren. Waldecker zieht schließlich das Fazit: "Fast überall sind die Entwicklungen aus dem Ruder gelaufen. Die ganze Region droht im Chaos zu versinken. Die politische Landkarte im Nahen Osten wird umgezeichnet werden. Die islamistischen Gruppierungen sind wesentlich gestärkt". Der Referent skizziert exemplarisch die Entwicklung in einigen Staaten wie Algerien, Lybien, Syrien oder Tunesien.

Seine Prognose für den Westen ist nicht rosig. Hier nur einige Stichworte: ISIS, Christenverfolgungen, Flüchtlingsströme, Gefahr durch "vagabundierende Waffen" in den Händen von Terrorgruppen, Anschläge. Äußerst kritisch äußert er sich daher zur Politik der westlichen Länder und zu Waffenlieferungen: "Verbündeter ist, wer meine Wertvorstellungen teilt und nicht, wer nur Geschäfte machen will". Als "naiv" bezeichnet er die unbegründeten Hoffnungen des Westens auf eine Demokratisierung in unserem Sinn. Demokratie sei gesellschaftlicher Kompromiss: "Demokratie entsteht nicht über Faustrecht und rohe Gewalt der Straße. Wir haben in Europa doch auch 250 Jahre gebraucht, um das zu begreifen".
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