Ein besonderer Abend mit Tilman Birr im Nabburger Schmidt-Haus
Holz und Vorurteil

Lokales
Nabburg
14.10.2014
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Es gibt da eine Sache, die ist Tilman Birr bisher offenbar entgangen: Aufs Zielpublikum Kind ausgerichtete Büchereien. Nur so lässt es sich erklären, dass der Autor, Liedermacher und Kabarettist nach wie vor die Meinung vertritt: Die Bibliothek ist die letzte Zufluchtsstätte vor der allgemeinen "Inkontinensia oralis". Ein Vorurteil von vielen. Wenn Herr Birr da mal nicht gewaltig auf dem Holzweg ist.

Dabei kennt er sich doch aus. Über lärmende Bälger und sonstige unliebsame Zeitgenossen. Allen voran über Kreuzberg-Bionade-Holzspielzeug-Mütter, Vegetarier, Touristen, Zugezogene, Hipster und Franzosen. Tilman Birr erklärt sich und seinen Zuhörern die Welt ganz einfach: Viele Vorurteile bescheren zwar mitunter ein Brett vor dem Kopf. Aber damit lebt es sich auch nicht schlechter.

Um Sachlichkeit bemüht

"Holz und Vorurteil. Zwischen Brett und Kopf" lautet denn auch der Titel des aktuellen Programms aus der Tasche Tilman Birrs. Der Kabarettist war damit am Samstag zu Gast im Schmidt-Haus in Nabburg. Geradewegs aus dem lärmenden Berlin eingetroffen - dort wimmelt es übrigens von Mittzwanzigern, "die aussehen wollen wie Wolfgang Thierse" und von Gruftis, die man aber nach Einbruch der Dunkelheit wenigstens nicht mehr sieht - erklärte er nun auch einmal den Oberpfälzern, was Sache ist.

Und zwar: "Die Versuchung, Menschen nach ihrem Äußeren zu beurteilen ist sehr groß." Birr, gekleidet in dezent-braunes Hemd, anthrazit-verwaschene Jeans und schmale Wildlederstiefel, bemühte sich stets um Sachlichkeit. Schließlich ist er ja auch tolerant. Egal, ob er nun in die Rolle des verbohrten Spießers, des Ballermann-verhinderten Alpenwanderers oder des innovativen Musikinterpreten schlüpft.

Was bringt es auch? Eigentlich könne ja jeder so leben, wie er wolle, so sein Credo. Aber es gibt Dinge, die müssen einfach nicht sein. Etwa Babys im Kinderwagen vor sich herzuschieben. Schlichtweg unanständig, alle Welt über den vorangegangenen Zeugungsakt aufzuklären. Oder "Grüß Gott" zu sagen in Berlin. Da kann einem ja Angst und Bange werden. "Busreisen voller Westfalen", das ist es, was Tilman Birr vorschweben würde. Denn die sagen wenigstens nichts. Und das ist noch schöner als in der Bibliothek.

"Jetzt wird's geil"

Ein bisschen Büchereiatmosphäre bescherte Birr seinem Publikum übrigens auch in Nabburg. Der Kabarettist, der seine Laufbahn als Lesebühnen-Vorleser und Poetry-Slammer begann, las unter anderem aus seiner Geschichte "Jetzt wird's geil". Außerdem gab er eigene Kompositionen zum Besten, die einen wohltuenden Kontrast bildeten zu den von ihm als akustische Überschwemmung ausgemachten Elektroklängen. Mit viel trockenem Humor zeigte Birr seinen Zuhörern aber vor allem eines: Vorurteile sind Holz für den Kopf.
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