Riesenfußball mit Innenleben

Das Ziel steht in Großbuchstaben auf dem überdimensionalen Holzfußball: „Kreuz und quer durch Deutschland“. Diese Reise hat eben erst begonnen. Das Freilandmuseum ist nach Regensburg und Burglengenfeld die dritte Station der ungewöhnlichen Tour, die von Hubertus Wiendl (rechts) angeregt wurde. Sie bezieht sich auf die Reise zweier „Ballonauten“ vor über 80 Jahren. Bild: Dobler
Lokales
Nabburg
30.07.2015
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Diesmal kam der Riesenfußball auf einem Anhänger nach Nabburg. Vor 83 Jahren war das noch anders. Das Original wurde 1932 von zwei Sportlern von Regensburg herauf geschleppt. 600 Kilo war und ist das Monstrum schwer - auch wenn es jetzt ein Nachbau ist.

Die ursprüngliche Geschichte beginnt in der Wirtschaftskrise der frühen 1930er Jahre, ein paar Monate vor der Machtergreifung der Nazis. Der Regensburger Jakob Schmid und sein Freund und Schicksalsgenosse Franz Perzl hatten sich einen zwei Meter hohen Holzfußball zimmern lassen, in dem man zur Not auch übernachten konnte.

Den zogen sie in der Folgezeit quer durchs damalige Deutsche Reich - eine Riesenstrapaze, mit der sie bekannt und wohlhabend werden wollten. Aber beides misslang, und am Ende gerieten die zwei mittellosen Ballonauten wieder in Vergessenheit. Ihr Vermächtnis war ein viele Kilo schweres Reisetagebuch mit zahlreichen Fotos und Einträgen, das ebenfalls lange unbeachtet blieb.

Ihren Lebensunterhalt wollten die zwei Männer mit dem Verkauf von Postkarten mit Motiven ihres Abenteuers bestreiten. Aber das klappte nicht immer, die Menschen damals waren arm und gaben nicht gerne Almosen.

Nicht sehr freigiebig

Im Original liest sich das so (Auszug über die Erlebnisse in Nabburg und Pfreimd im Mai 1932): "In Nabburg mittags angekommen, konnten fast überhaupt nichts verkaufen. So teilnahmslos sind dort die Leute. Unsere Hoffnungen schwanden immer besser. Was wird da noch werden, wenn es immer so schlecht bleibt. Machten wir im Laufe des Nachmittags wieder weiter und sind um 6 Uhr abends in Pfreimd angekommen. Beim Gasthof zum Wilden Mann abgestiegen. Waren ganz gute Leute. Mußten hier das Karten hausieren anfangen, da das Geld ausging. Es ist furchtbar, so von Tür zu Tür zu laufen, wer das noch nicht mitgemacht hat, kann es gar nicht verstehen, was das für eine Qual ist."

Die zwei verstanden sich als Sportler, wurden aber hin und wieder als Landstreicher zur Kenntnis genommen, was ihnen das Leben nicht gerade erleichterte. "Damals war die Gesellschaft am Kippen", sagte Hubertus Wiendl, der das Reisetagebuch vor einigen Jahren editiert und für die Nachwelt erschlossen hat. Jetzt will er zusammen mit Freunden die Tour nachvollziehen, allerdings etwas bequemer. "Denn das lässt sich schleppen, wenn allein die eiserne Deichsel 100 Kilo schwer ist und man sie die ganze Zeit hochhalten muss." Ob Wiendl auch reich und berühmt werden will wie die echten Ballonauten, sei dahingestellt, denn ihn treibt ein pädagogischer Ansatz: vor allem mit jungen Leuten über die Zeit damals reden und vor gesellschaftlichen Radikalisierungen warnen. Im Freilandmuseum wird es dazu in den nächsten Wochen eine Veranstaltung geben. Bis dahin kann man sich auf einer sehr gut gemachten Seite im Internet über die Aktion informieren.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.ballonauten.de/
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