"Typisch Wessi kenn' ich nicht"

Für Diana Naumann und ihre Mutter Karin Valta begann nach der Grenzöffnung ein neues Leben im Westen. Rechts im Bild Tochter Saskia. Bild: Völkl
Lokales
Nabburg
08.11.2014
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"Die Grenze ist offen. Für wie lange? Für eine Stunde, für zwei?", hat sich die 16-jährige Diana damals, 1989, im thüringischen Altenburg ungläubig gefragt. Die Grenze blieb offen und die Familie ging in den Westen. Ihr neues Leben - es begann in Stulln.

(cv) Diana Naumanns Mutter Karin Valta hat eine große Kiste, gefüllt mit Fotos, auf den Tisch gestellt. Eine Postkarte aus Garmisch ist dabei. Von August Härtel. "Das war in der Drogerie mein Chef. Der Senior durfte in den Westen reisen und hat immer zu mir gesagt: 'Frau Valta, sie werden es erleben, dass die Mauer fällt'". Einer der ersten Familienausflüge nach 1989 führte denn auch in die Berge, um die Alpspitze in natura zu sehen.

Drei Generationen sitzen am Kaffeetisch im Nabburger Haus am Pfeifferweiher. Karin Valta (62), ihre Tochter Diana (41) und Enkelin Saskia (16). "Wir war das denn damals im Osten?", fragt sie die Oma. "Das ist mittlerweile so, wie wir unsere Eltern nach der Kriegszeit befragten", schmunzelt Karin Valta. In die Rückblende klinkt sich Tochter Diana ein. Sie erzählt von ihrer Kindheit in Altenburg: "Ich bin ein Plattenbaukind". Das war damals "Luxus pur" mit Zentralheizung und fließend warmen Wasser. Man musste keine Kohlen in den Keller schleppen.

Der Vater arbeitete unter Tage im Bergbau, dafür gabs Vergünstigungen. "Wir hatten es nicht schlecht". Ein Urlaub in Tschechien oder Ungarn war möglich. An ihre Jugend erinnert sie sich gerne, an die "Pioniere", an feste Strukturen. Auch sie hatte eine Jeansjacke, allerdings kostete sie 700 Ostmark. Das waren Raritäten in einer Zeit, als man für eine neue Jeans zweieinhalb Stunden anstand. Doch der Westen, der Kapitalismus, "wurde uns als das schlechteste auf Erden vorgebetet".

Lehrvertrag in der Tasche

Ihre Zukunft sah sie als Krankenschwester - den Ausbildungsvertrag hatte sie schon in der Tasche - und in Jugendliebe Mike, der eine Ausbildung als Maschinist für Wärme- und Kraftwerksanlagen begonnen hatte. Dann änderte sich alles: Mutter Karin erzählt, wie sie kurz vor dem Mauerfall Campingurlaub in Tschechien machte. "Viele hatten da schon Fernseher und Betten dabei, wollten über Ungarn raus in den Westen. "Wir waren bei den Montagsdemos, erlebten, wie der Druck stieg", erinnert sich Diana Naumann. Die Familie rechnete nicht mit der plötzlichen Grenzöffnung, befürchtete eher "einen Bürgerkrieg. Wenn da einer einen Schießbefehl gegeben hätte. . ."

"Doch dann war die Mauer wirklich weg". Die Valtas packten nicht Hals über Kopf die Koffer. Erst nach einigen Wochen fuhr die Familie zu Freunden nach Wölsendorf. Das bestärkte Vater Joachim in seinem Entschluss: "Wir verlassen die DDR". Sich ein Leben lang eingesperrt fühlen, nicht dahin fahren können, wohin man will, das vergisst man nicht. "Im Westen stießen wir auf so viel Hilfe", erinnern sich Mutter und Tochter. Der Freund aus Wölsendorf half bei der Arbeitssuche. Joachim Valta konnte anfangs bei Marmor-Luft in Schwarzenfeld sein Geld verdienen. Gewohnt wurde damals bei den Wirkners in Stulln. "Die waren wie Oma und Opa zu uns".

"Nicht blauäugig"

Im Frühjahr 1990 holte Joachim Valta die Familie nach. "Ich hab bis Hof geweint", erzählt die Tochter. Freunde blieben zurück. Diana Naumann bekam eine Lehrstelle im Einzelhandel, arbeitete wie ihre Mutter im Supermarkt. Ehemann Mike ging zu Hebel Stulln. "Die haben ein halbes Jahr auf Mike gewartet", erzählt Diana Naumann. Der Start gelang, "weil wir alle nicht blauäugig waren", meint Karin Valta. "Schaffen musst du überall".

Diana Naumann ist kontaktfreudig. Das öffnet Türen und Herzen. "Uns haben viele Leute geholfen. Typisch Wessi, typisch Ossi, diese Kategorien hat es für mich nie gegeben", erzählt sie. Nach Stationen in Unterauerbach - mit lieben Erinnerungen an Pfarrer Josef Flor - und Dürnsricht sind die Naumanns vor 14 Jahren ins eigene Haus nach Nabburg gezogen. Die Stadt ist gefühlte Heimat. Mittlerweile arbeitet Diana Naumann als Altenpflegerin im Nachtdienst, Ehemann Mike betreut Arbeitsprojekte in der Justizvollzugsanstalt Amberg.

Was macht das Paar am Tag des Mauerfalls? "Den werden wir gemütlich auf der Couch verbringen", so Diana Naumann. Natürlich "kommen bei Fernsehberichten die Emotionen hoch", doch ansonsten sei die "DDR-Zeit" Vergangenheit. Nur Eigenschaften sind geblieben: "Ich koche immer noch Unmengen ein", so die 41-Jährige mit einem Blick auf zig-Marmeladengläser, die sie auch gerne verschenkt. In der Mangelwirtschaft der DDR war man darauf angewiesen und "jeder half jeden".

"Mein Vater hat die richtige Entscheidung getroffen, meint sie mit Blick auf ihre Eltern, Mann und Tochter. Eine typische deutsche Kleinfamilie, aber seit 25 Jahren in Freiheit.
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