Alltag in der brennenden Heimat

Die Zerrissenheit der Menschen zeigt Dalal Makari-Pausch mit zwei Masken, eine am Hinterkopf und die andere vor dem Gesicht - beide wirbeln im Tanz vor einem Bilderrahmen. Welcher der Aspekte ist real? Bild: hfz
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Nabburg
04.08.2016
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Eine Damaszener Geschichte. Nein, es ging am Samstagabend in der Remise unter diesem Titel nicht um die Geschichte von Damaskus. Vielmehr bot Dr. Dalal Makari-Pausch eine betroffen machende Erzählung über den Alltag in ihrer brennenden Heimat - mit einer künstlerisch beeindruckenden Collage.

Die Nabburger Kleinbühne war fast bis auf den letzten Platz belegt als die beiden Remisen-Betreiber Dr. Gabriele Ziegler und Franz Grundler alle begrüßten, und zwar etwas anders als erwartet: Dr. Ziegler bat die anwesenden Syrer, Iraker und Afghanen, sich kurz mit ihrer Landeszugehörigkeit vorzustellen, immerhin ein Viertel der Gäste. Das schuf gleich zu Beginn ein Stück Nähe.

In Damaskus geboren


Stellvertretender Landrat Arnold Kimmerl sprach im Auftrag des Schirmherren Landrat Thomas Ebeling, wies auf die Vita der Künstlerin hin. Gebürtig in Damaskus, wuchs sie in Palästina auf, studierte in Kiew und St. Petersburg und lebt seit etwa zehn Jahren in Weiden, dort verheiratet mit einem Deutschen. Immer wieder setzt sie sich mit ihrer Theaterarbeit und psychologisch-therapeutischer Erfahrung für ihre leidenden Menschen der arabischen Heimat ein: Für traumatisierte Kriegsflüchtlinge, für Straßenkinder in Tunesien und vieles mehr.

Eine bewundernswert engagierte Frau, die für ihr Schaffen schon Dutzende Male ausgezeichnet wurde, zuletzt vom marokkanischen Königshaus.

Und ihr Metier ist einzigartig: Dalal pflegt das arabische Schattentheater als ziemlich einzige Frau in der arabischen Welt, denn Schattentheater war bisher immer eine Männerdomäne der Teestuben.

Einzigartige Darstellung


Genauso einzigartig war ihre Darbietung: Mit orientalischem Gesang, Musik und Tanz, mit verblüffend einfachen, oft feinen Lichteffekten auf einer großen Leinwand und einer eindringlich direkten Spielweise, die das Publikum mit einbezog, entstand schnell eine sehr dichte Atmosphäre in dem völlig abgedunkelten Raum. Aber kein Märchen aus 1000 und einer Nacht. Dalal erzählte die Leiden eines Menschen, der die alltäglichen Schrecken des Krieges auch weit weg von seiner Heimat nicht aus dem Gedächtnis löschen kann. Und alles kreist um die Frage, ob es wirklich das eigene Gedächtnis ist. Die Zerrissenheit zeigt sie mit zwei Masken, eine am Hinterkopf und die andere vor dem Gesicht - beide wirbeln im Tanz vor einem Bilderrahmen - welcher der Aspekte ist real?

"Ich hasse das Meer. Ich kann nicht schwimmen." Diese suggestiv wiederholte Angst treibt wie ein Stakkato die Geschichte voran: Vom Blick aus dem Fenster, wo draußen Panzer und Kämpfer als Schattenrisse drohen, vom groß projizierten Frauengesicht, das mit Blutblumen gestaltet ist und klagt, bis hin zum Tod des Partners, der plötzlich auf der Stirn "das dritte, blutige Auge" trägt. Atemloses Weinen, in Gesang mündend, surreal bedrohliche Bilder: Vom Ertrinken, ganz einfach ausgedrückt durch den Kampf mit einer Plastic-Haut, von chimärenhaften Lichtern über dem Schiff auf See, über den menschlichen Schatten, die das Böse ausagieren.

Tränen und Betroffenheit


Und immer wieder geht Dalal auf ihr Publikum zu, verteilt selbstgemalte Bilder, die das alles erzählen, huscht wieder hinter die Leinwand, um mit Schattenspiel zu experimentieren. Tränen und Betroffenheit: ja, auch das gehörte zu diesem seltenen Abend.

Am Ende großer Applaus, dann Stille, als Dalal nochmals zum Publikum spricht und ihre Hoffnung auf Frieden ausspricht. Die Co-Veranstalterin, Pfarrerin Irene Friedrich, dankte der Künstlerin mit einem riesigen Strauß Blumen im Namen der evangelischen Kirchengemeinde, welche die gesamten Spenden des Abends für die Flüchtlingsarbeit erhält, immerhin kamen fast 400 Euro zusammen, die Gastgeber verzichteten auf Eintritt und Saalmiete.

Beim Ausklang war es sehr berührend, wie plötzlich Gespräche im Remisenhof bei syrischem Mandelkuchen, Wein und Tee die Nationalitäten völlig vergessen machten. Für so manche war es das erste Mal, dass sie jemand aus Syrien als Gegenüber entdeckten.

"Bestimmt kein Theaterabend für ein reines Genusspublikum, aber ein seltenes Glanzlicht" , so oder ähnlich resümierten nicht wenige.
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