Barbiepuppe des Mittelalters

Der geschichtsträchtige Wolfsbühl - hier ein Blick Perschener Weg - hat archäologisch viel zu bieten. (Foto: hfz)
Vermischtes
Nabburg
07.11.2016
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Kruseler Püppchen galten als erlesenes Spielzeug. (Foto: hfz)

Wer von Nabburg auf der Kreisstraße SAD 54 nach Pfreimd fährt, passiert am Ortsende von Perschen den rechts der Straße gelegenen Wolfsbühl. In alter Zeit mag es hier tatsächlich Wölfe gegeben haben, die für die Namensgebung Pate standen. Doch die Archäologen interessieren hier andere Dinge.

Nabburg-Perschen. (ken) Die landschaftliche Schönheit erschließt sich nur dem, der auf dem östlich verlaufenden Perschener Weg in Richtung Norden unterwegs ist. Er kommt dabei an dem über einige Hundert Meter sanft nach Süden abfallenden Hügel, dem "Bühl" vorbei, der von einer markanten, bewaldeten Kuppe gekrönt ist. Dieser Geländesporn ist wegen seiner historischen und archäologischen Bedeutung interessant. In trockener Formulierung handelt es sich um das "Bodendenkmal D-3-6539-0223", dessen Beschreibung wie folgt lautet: "Endpaläolithische und mesolithische Freilandstation, Siedlungen der Bronzezeit, der Urnenfelderzeit, der Hallstattzeit und der karolingisch-ottonischen Zeit".

Hinter dieser Beschreibung verbirgt sich ein Zeitraum, der von 12000 vor Christus bis zum Jahr 1024 nach Christus reicht. Sie weist nicht nur auf eine Begehung durch Jäger und Sammler in der ausgehenden Alt- sowie der Mittelsteinzeit (bis 5500 v. Chr.) hin, sondern auf eine wahrscheinlich fast durchgehende Besiedlung, mindestens von der Bronzezeit (ab 2200 v. Chr.) bis zum Beginn des Hochmittelalters, also über 3200 Jahre. Da es vom Wolfsbühl Artefakte (von Menschen hergestellte Gegenstände, in diesem Fall aus Hornstein, dem Silex) aus der Jungsteinzeit (5500 bis 2200 v. Chr.) gibt, ist es wahrscheinlich, dass sich dort schon in dieser Phase der ersten bäuerlichen Besiedlung, in der die Jäger und Sammler allmählich sesshaft wurden, Menschen niederließen.

Schon die Neandertaler?


Die Funde, die auf diese exorbitant lange Begehungs- und Besiedlungsdauer schließen lassen, sind unter anderem dem früheren Kreisheimatpfleger für Archäologie im Landkreis Schwandorf, Ernst Thomann zu verdanken. Das älteste Zeugnis menschlicher Anwesenheit auf dem Wolfsbühl stammt aus den Jahren 45 000 bis 35 000 v. Chr. "Wir haben es mit Menschen zu tun, die als Nomaden umherzogen und vom Jagen und Sammeln lebten", erzählt Kurt Engelhardt, Kreisheimatpfleger für Archäologie im Landkreis Schwandorf. "Offen muss bleiben, ob es sich dabei um Neandertaler (die um 40 000 v. Chr. aussterben) oder schon den Homo Sapiens, also den modernen Menschen handelte. "Fest steht indessen, dass es Menschen waren, die man aufgrund der Technik, mit der sie ihre Steingeräte herstellten, und der Formen, die sie ihnen bevorzugt gaben, den Blattspitzengruppen zurechnen kann."

Gefunden wurden aus Silex gefertigte Gerätschaften und kleinere schaberartige Klingen, die zum Reinigen von Tierhäuten verwendet wurden. Weitere Artefakte sind dem Endpaläolithikum (ab 12000 v. Chr.), vor allem aber dem sich Mesolithikum (8000 bis 5500 v. Chr.) zuzuordnen. Die Funde aus dem Neolithikum und den sich anschließenden Metallzeiten würden den Rahmen sprengen, deshalb macht Engelhardt einen großen Zeitsprung und landet im zum Frühmittelalter gehörenden 8. und 9. Jahrhundert n. Chr., in das acht Tonscherben mit Wellenzier gehören. Im Frühjahr 2014 ging Kurt Engelhardt über den oberen Teil des Wolfsbühl. Dabei fiel ihm ein rundlicher Stein auf, bei dem es sich um ein Stück einer Silexknolle aus Jurahornstein handelte. Ihr Gewicht von 460 Gramm war erstaunlich. Der Stein kommt in der Region nicht vor. Es ist bekannt, dass Hornstein bereits in der Steinzeit im Tausch gehandelt wurde. Es ist also durchaus vorstellbar, dass ein Mann, der in der Mittelsteinzeit auf der Jagd den Wolfsbühl beging, die Silexknolle bei sich hatte, um bei Bedarf Klingen für Messer oder Abschläge zu produzieren, aus denen er Schaber, Kratzer oder Stichel fertigen konnte.

Ein Statussymbol


Der nächste Fund ist dem Spätmittelalter zuzuorden: Ein Teil von einem historischen Kinderspielzeug. Das zu erkennen, fiel nicht ganz leicht, war doch das Keramikstück durch Witterung und Feldbewirtschaftung stark mitgenommen. Es ist der Kopf eines "Kruseler Püppchens." Kruseler sind mehrere übereinandergelegte Schleiertücher aus Seide, Leinen oder Baumwolle, die eine Kopf- oder Nackenhaube bilden. Deren Ränder wurden durch Stärken und Pressen sowie Verwendung der Brennschere zu wellenartigen Säumen, einer Art Krause (daher auch die Bezeichnung Kruseler), geformt. So entstand ein imposanter Kopfputz, ein Modehit des 14. Jahrhunderts. Getragen wurde er von etwa 1350 bis 1425 von den Damen der "besseren" Gesellschaft. Man kann die Kruseler deshalb durchaus auch als Statussymbol bezeichnen. Dass eine so extravagante Mode auch im Mädchenspielzeug jener Zeit ihren Niederschlag findet, vermag nicht zu erstaunen. Bei den "Barbiepuppen des Mittelalters" handelt sich übrigens um das erste nachweisbar in Serie hergestellte Spielzeug, meist aus Ton. In Süddeutschland schien Nürnberg eines der Hauptproduktionszentren gewesen zu sein.

Wohlhabende Bewohner


Funde von Teilen der Kruseler Püppchen sind im Raum Schwandorf selten. Engelhardt ist nur der Fund eines Köpfchens bekannt, den der Ortsheimatpfleger von Schwarzach, Heinrich Schwarz, in den 1980er Jahren bei Unterauerbach machte. Bei dem Kopf des auf dem Wolfsbühl gefundenen Püppchens handelt es sich um einen Siedlungsfund. Im Raum Perschen lebten wahrscheinlich auch wohlhabende Leute, die sich solches Spielzeug leisten konnten.

Heimat NabburgDer ausführliche Beitrag über den Wolfsbühl ist in der Schriftenreihe "Heimat Nabburg", Band 35 (2015) nachzulesen.
Weitere Beiträge zu den Themen: Archäologie (38)Neusath-Perschen (5)
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