Erika Rosenberg spricht über Emilie Schindler
Fürsprecherin einer Heldin

Erika Rosenberg verstand es, Geschichte so spannend zu erzählen, dass die Berufsschuler eineinhalb Stunden gebannt zuhörten und auch fundierte Fragen stellten. Bild: Huber
Vermischtes
Nabburg
17.04.2016
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Geschichte wiederholt sich. Wenn Erika Rosenberg über die Flucht ihrer Eltern 1936 nach Argentinien erzählt, ist es, als spräche sie über die Flüchtlinge des Jahres 2016. Doch deswegen kam die 64-jährige Argentinierin nicht nach Nabburg.

Sie spricht über Emilie Schindler - "meine beste Freundin" - und korrigiert vor angehenden Bank- und Industriekaufleuten sowie Metallbauern am Donnerstag in der Berufsschule den Hollywood-Film "Schindlers Liste". Zwei wesentliche Erkenntnisse hat die argentinische Jüdin aus dem Film gewonnen. "Spielberg hat nur die Geschichte von Männern erzählt." Und: "Der Film wurde für die Geretteten gedreht und nicht für die Schindlers."

Bei Recherchen für ein Buch über Einwanderer in Argentinien "stolperte ich über Emilie Schindler". Das war 1990. Die beiden Frauen freundeten sich an und Emilie Schindler, die damals noch in Argentinien lebte, gewährte ihr sehr intime Einblicke in die Vergangenheit. Jetzt ist Rosenberg unterwegs um gegen das Vergessen dieser "unbesungenen Heldin" anzukämpfen, weil ihr der Film nicht gerecht wird. "Emilie und Oskar, das ist auch die Geschichte einer großen Liebe", erzählt die Biografin.

Dabei hätten die beiden gegensätzlicher nicht sein können. Er, der Lebemann, Spion, Frauenheld und Hasardeur, taugte eher zum Filmhelden als die arbeitssame und fromme Emilie. Sie war wohlhabend, er war arm und verlebte ihre Mitgift. "Er war kein Fabrikant", rückt Rosenberg die Filmbiografie erneut zurecht. Seine erste Arbeit nahm er 1935 in der Spionageabwehr unter Admiral Canaris an. Der Kauf der Emailfabrik 1939 in Krakau wurde über Kredite und von Emilies Eltern finanziert.

Schindler arbeitete auch für den Schwarzmarkt. Mit diesem Geld hat er die Nazis - "Sie waren sehr, sehr korrupt" - bestochen, um 1200 Menschen zu retten. "Er hat einfach nicht weggeschaut", betont Rosenberg. Er baute seinen gefährdeten Arbeitern Wohnungen auf dem Fabrikgelände. Das kostete ihm wiederum eine Stange Geld, auch Bestechungsgeld, denn Häftlinge durften eigentlich nicht außerhalb des Lagers leben.

Mit List zur Liste


Doch auch Emilie rettete Leben. 1945 nahm sie 120 fast verhungerte und erfrorene Juden auf. Als es um die Erstellung der berühmten Liste durch Ordnungsmann Marcel Goldman ging, griff Oskar Schindler wieder zu einem Trick. "Geburts- und Berufsangaben wurden gefälscht, um Familien zusammenzuhalten. Kinder unter 14 und Erwachsene über 50 hätten nicht arbeiten dürfen." Noch heute empört es Rosenberg, dass die Liste vor drei Jahren trotz ihres massiven Protests versteigert wurde. "So etwas gehört in ein Museum", sagt sie. Auf ihr Betreiben erhielt Emilie Schindler 1995 das Bundesverdienstkreuz, das ihr Mann schon Jahrzehnte vorher bekommen hatte.

Drei Anläufe


Im dritten Anlauf wurde die Geschichte von Oskar und Emilie Schindler verfilmt. 1951 war Rosenberg zufolge die Zeit noch nicht reif für einen Film über einen guten Deutschen. 1963 sollte die Geschichte erneut verfilmt werden, Schindler schrieb sogar das Drehbuch. Für die Hauptrollen waren Romy Schneider (Emilie Schindler) und Richard Burton (Oskar Schindler) vorgesehen. "Emilie hätte die Hauptrolle gespielt", ist sich die Autorin sicher, nachdem sie 29 Seiten des zum Teil verschollenen Drehbuchs gesehen hatte. 1993 kam dann "Schindlers Liste" in die Kinos.

Erika RosenbergErika Band de Rosenberg wurde 1951 als Tochter eines jüdischen Juristen aus Berlin und einer jüdischen Ärztin aus Hamburg in Buenos Aires geboren. Ihre Eltern flohen nach den Nürnberger Gesetzen 1936 über Paraguay illegal nach Argentinien.

In Argentinien bestand ein Einreiseverbot für deutsche Flüchtlinge. Nur die süd- und mittelamerikanischen Staaten Paraguay und die Dominikanische Republik nahmen aus Nazideutschland auf, erklärt Erika Rosenberg den Berufsschülern. "Für meine Eltern gab es nur das gute Deutschland bis 33 und nach 45. Zu allem anderen haben sie sich nie geäußert."

Die Professorin, Schriftstellerin und Übersetzerin hat unter anderem veröffentlicht "In Schindlers Schatten. Emilie Schindler erzählt ihre Geschichte", "Ich, Oskar Schindler: Die persönlichen Aufzeichnungen, Briefe und Dokumente", "Als ich mit dem Papst U-Bahn fuhr. Jose Bergoglio aus Buenos Aires". Im Herbst erscheint ihr neues Buch "Das Glashaus. Carl Lutz und die Rettung ungarischer Juden vor dem Holocaust". (ihl)
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