Fatale Blicke in Richtung Smartphone

Eine Frau starb, zwölf Menschen erlitten Verletzungen. Dieser schreckliche Unfall bei Cham war jetzt Gegenstand eines Strafprozesses. Ein Mann aus dem Landkreis Schwandorf saß auf der Anklagebank. Bild: hfz
Vermischtes
Nabburg
06.05.2016
1750
0

Die Sekunden, in denen am 16. Januar 2015 sechs Autos ineinander krachten, werden die Beteiligten wohl ihr Leben lang nicht mehr vergessen. Eine Frau starb, zwölf Menschen erlitten teils schwere Verletzungen. Der Verursacher saß jetzt auf der Anklagebank.

Cham/Schwandorf. Ein 37-jähriger Mann aus dem Landkreis Schwandorf musste sich vor dem Schöffengericht in Cham verantworten. Das Interesse an der Verhandlung war enorm. Vor allem Angehörige der Unfallopfer drängten sich im übervollen Zuschauerraum und nahmen hörbar Anteil an der Verhandlung. Im Saal hatten außerdem sieben Nebenkläger und ihre drei Anwälte sowie zwei Sachverständige Platz genommen. Anfangs lag gespannte Ruhe im Saal. Zwei Unfälle innerhalb von nur vier Wochen hatte der Beschuldigte laut Anklage verursacht. Einen am 18. Dezember 2014 auf der B 20 zwischen Chammünster und Kothmaißling. Den zweiten im Januar auf der Umgehungsstraße von Cham. Beide Male wurden mehrere Menschen verletzt. Beim Zweiten kam seine Lebensgefährtin ums Leben.

Auf der falschen Spur


Jener 16. Januar stand im Mittelpunkt der Verhandlung. Der Angeklagte, der über seinen Anwalt gleich zu Beginn die Verantwortung für beide Unfälle übernahm, war mit seiner Partnerin und deren 22-jähriger Nichte auf der B 20 von Roding Richtung Cham unterwegs. Etwa auf Höhe des Gewerbegebiets Chammünster fuhr er mit seinem VW über die beiden durchgezogenen weißen Linien und war damit auf der Überholspur des Gegenverkehrs unterwegs. Dort konnte ihm laut Zeugenaussagen gerade noch ein weißer Lieferwagen ausweichen. Der Fahrer des dahinter kommenden Audi aber hatte keine Chance. Die beiden Fahrzeuge krachten frontal ineinander. Laut Sachverständigem war der VW mit einer Geschwindigkeit von 63 bis 83 Stundenkilometer unterwegs, der Audi mit 99 bis 130.

Doch das war nur die erste Kollision. Hinter dem VW war in einem BMW eine Gruppe junger Leute auf dem Weg zu einer Party. Die fünf Insassen aus dem Landkreis Schwandorf gehören zu den mit am schwersten Verletzten des Unfalls. An den Folgen leiden sie teilweise bis heute. Drei von ihnen traten nicht nur als Zeugen auf, sondern auch als Nebenkläger. Der damals 18-jährige Fahrer war ganz am Anfang selbst verdächtigt worden, den Unfall verursacht zu haben. Doch er war nur einem Reifen ausgewichen, den der Audi durch den Zusammenstoß verloren hatte. Durch das Ausweichmanöver prallte auch der BMW frontal mit dem Audi zusammen. Dieser wiederum schleuderte dann gegen einen Fiat, während der BMW gegen einen Opel stieß. Am Ende fuhr auch noch ein zunächst unbeteiligter VW durch die Unfallstelle. Insgesamt waren sechs Autos verwickelt. Der Sachschaden belief sich auf mehr als 50 000 Euro.

Straße nicht im Blick


An der Unfallstelle hatte sich Helfern und Polizisten anfangs ein großes Durcheinander geboten. Erst langsam habe sich der tatsächliche Hergang herauskristallisiert, berichtete die Polizistin, die den Fall bearbeitet hatte. Bis zum Schluss der Ermittlungen aber sei unklar geblieben, warum der VW-Fahrer auf der falschen Spur unterwegs war. Eine Antwort darauf lieferte der Verteidiger des 37-Jährigen in der Verhandlung. Sein Mandant sei durch ein Smartphone-Navi, das seine Lebensgefährtin am Beifahrersitz in der Hand hielt, abgelenkt gewesen. Dadurch hatte er das Fahrgeschehen nicht mehr im Blick.

Immer wieder kam im Prozess die Frage auf, wie lange der Fahrer auf der falschen Spur unterwegs war. Laut Gutachter könnten es 150 Meter und zwei bis fünf Sekunden gewesen sein. Das Schöffengericht verurteilte den Angeklagten am Ende wegen fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Tötung zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten, auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Das Urteil schließt auch den ersten Unfall ein.

In seiner Urteilsbegründung bezog sich Richter Andreas Lecker vor allem auf die Zeugenaussage der Nichte der Toten. Sie habe die Situation im Auto geschildert, weder be- noch entlastend für den Angeklagten. Demnach war es wohl ein Augenblick, in dem der Fahrer vielleicht davon ausgegangen sei, zwei Fahrstreifen zu haben. Abgelenkt durch das Navi habe er eventuell für Sekunden geglaubt, auf der richtigen Spur zu sein. Aber, so Lecker, der Angeklagte habe bei beiden Unfällen auch erhebliche Pflichtverstöße begangen, weshalb der 37-Jährige weitere 18 Monate auf den Führerschein verzichten muss. Zudem hat er 2400 Euro Geldauflage ans BRK in Cham zu zahlen. (Hintergrund)
Weitere Beiträge zu den Themen: Gericht (569)Fahrlässige Tötung (8)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.