Historisches Handwerk
Muskelkraft statt Strom

Mit dem Schneckenbohrer und viel Muskelkraft höhlten die Männer Baumstämme zu Wasserrohren aus.
Vermischtes
Nabburg
22.05.2016
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Schmied Johann Müller zeigt, wie Eisen früher mit der Hilfe von Feuer bearbeitet wurde. Bilder: Hinterberger (3)

Anton Kraus wühlt in einem großen Gitterkorb mit Feldsteinen. Er sucht passende Teile für den Torbogen einer Bruchsteinmauer. Rechtwinklig müssen sie sein, damit der Bogen gleichmäßig wird. "Das ist wie bei einem Puzzlespiel", lacht er. Kraus ist Restaurator im Freilandmuseum Neusath-Perschen.

Von Eva-Maria Hinterberger

Neusath-Perschen. Er ist dafür verantwortlich, dass die Betonwand eines modernen Technikraums mit der Nachbildung einer historischen Bruchsteinmauer verdeckt wird. Auf dem Gebäude soll später der Köstlerwenzlerhof, ein im 18. Jahrhundert entstandener Bauernhof aus dem Stiftland, wieder aufgebaut werden. Unterstützung bekommt Kraus von Handwerkern aus der gesamten Region, die am Praxisseminar "Historisches Bauhandwerk" des Freilandmuseums und der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz teilnehmen.

"Wir wollen Handwerksgebiete zeigen, die nicht mehr ausgebildet werden", erklärt Bauhofleiter Konrad Uschold. Durch die Fortbildung erhalten Handwerker einen Einblick in die Methoden der alten Handwerkskunst. Dieses Wissen ging in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr verloren, ist aber gerade bei der Sanierung historischer Gebäude von großer Bedeutung.

Steine aus der Region


Eine solche historische Baukunst ist eben die Bruchsteinmauer. Die Männer stapeln Feldsteine aufeinander und verbinden sie mit einer Kaltmörtelmischung, die sie übrigens von Hand umrühren. Strom gibt es - wie früher - keinen. "Die Steine werden tatsächlich auf den Feldern der Region gesammelt, wo das Ursprungsgebäude herstammt", beschreibt Kraus die Authentizitätsbemühungen der Restauratoren.

Neben dem Mauerbau zeigt er den Kursteilnehmern die Methode der Lehmausfachung: Die Männer versehen einen Holzrahmen mit Haselnussästen, zwischen die sie Weidenstecken flächten. Die Konstruktion dient als Täger für ein Lehm-Stroh-Gemisch, das darauf verteilt wird. Diese Methode des Wandbaus wurde jedoch keineswegs nur früher angewendet, betont Kraus. Sie werde auch heute genutzt. "Lehm nimmt die Feuchtigkeit aus der Umgebung auf und gibt sie wieder ab", erklärt er. "Somit ergibt sich ein immer gleiches Raumklima." Ein weiterer Vorteil: Lehm und Stroh als Naturmaterialien enthalten keinerlei Chemie.

Ebenfalls mit dem Köstlerwenzlerhof beschäftigt sich Anton Götz. In seiner Halle lagern riesige Balkenkonstruktionen, die der Zimmerer wieder auf Vordermann bringen muss. "Alles ohne Motorsäge." Handsäge und Axt sind seine Begleiter.

"Ich versuche, soviel wie möglich von den alten Balken zu retten. Das ist jedoch nicht immer möglich", betont Götz. Für größtmögliche Authentizität wendet er ein besonderes Verfahren an. Götz nutzt für die Innenseite des Balkens Teile des ursprünglichen Holzes, die Außenseite ergänzt er indem er neues anleimt. So sieht es innen aus wie früher.



Ich versuche, soviel wie möglich von den alten Balken zu retten. Das ist jedoch nicht immer möglich.Zimmerer Anton Götz


Eine Aufgabe der Kursteilnehmer ist, aus einem runden Baumstamm, einen eckigen Balken zu fertigen. Mit einer Axt schlagen sie Kerben in eine Seite des Stammes, um erste Anhaltspunkte für eine gerade Fläche zu erhalten. Diese werden anschließend grob weg gespalten. Mit einem Breitbeil erledigen die Handwerker die Feinarbeit - am Ende haben sie eine ebene und vor allem eckige Fläche. Sind alle vier Stammseiten bearbeitet, ist der Balken fertig. Benutzt wird er aber noch nicht. "Der wird erst einmal gelagert und getrocknet, wir verwenden keine frischen Balken", erklärt Götz bevor er eine weitere historische Vorgehensweise zeigt: Das Bohren von Wasserrohren. Dazu wird mit einem sogenannten "Schneckenbohrer", einem mehrere Meter langen Handbohrer, ein Baumstamm ausgehöhlt. "Natürlich nur mit Muskelkraft." Genutzt werden die Baumstammrohre in Neusath-Perschen unter anderem für Teichzuläufe.

Der Dorfschmied


Für die Handwerker waren es früher also besonders wichtig, dass ihr Werkzeug gut in Schuss war. Dafür, dass das auch tatsächlich immer der Fall war, sorgte der Dorfschmied. Auch im Freilandmuseum Neusath-Perschen gibt es einen solchen - nämlich Johann Müller. "Mit Beginn der industriellen Herstellung von Werkzeug, sind die Schmiede immer mehr aus den Dörfern verschwunden", bedauert er.

Er zeigt den Kursteilnehmern, wie sie Mauerpratze herstellen. "Eine Metallplatte mit Loch, die zum Beispiel im Stall eingemauert wurde, um eine Kuh daran festzubinden", erklärt Müller. Er erhitzt eine Eisenplatte bis sie glüht. Mit einem Schrotmeisel spaltet er dann das eine Ende der Platte, so dass zwei Zähne entstehen, die beim Einmauern für einen besseren Halt sorgen sollen. Dann hält er die zukünftige Pratze erneut ins Feuer. Mit Hammer und Locheisen bearbeitet er die heiße Platte erneut, bis ein Loch entsteht, in dem später der Strick für die Kuh angebunden werden kann. "Heute macht man das alles mit der Flex oder dem Bohrer - früher ging das nur durch Erhitzen."
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