Mit Kicken zu Kontakten
Ahmad spielt beim TV Nabburg Fußball

Vermischtes
Nabburg
24.12.2015
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Kicker sind hart im nehmen. Jetzt haben sie einen kleinen Klos im Hals. "Das ist nicht Mannschaft, das ist Familie", sagt Ahmad Alsaher mit Blick in die Tischrunde im TV-Heim.

Seit einem Jahr wohnt Ahmad Alsaher mit seiner Familie in einem 20-Quadratmeter-Zimmer in der Pfandelstraße. Kontakt nach außen, das ist für ihn der TV 1880 Nabburg. "Ist doch nichts Besonderes", meinen Peter Haas, Andreas Eckl und Walter Bauer.

Das ist nicht Mannschaft, das ist Familie.Ahmad Alsaher

Der dritte Vorsitzende, der Spartenleiter Fußball und der Fußballtrainer sitzen im TV-Heim. Die fünfjährige Reem schmiegt sich an ihren Papi. "Wir sind immer auf der Suche nach guten Spielern", erzählt Andreas Eckl, "Da sind wir international, wir hatten Griechen, Türken, Tunesier, Spieler aus Mazedonien und Tschechien", erinnert sich Eckl beispielsweise an Bogdan Marinovic aus Rumänien. Privat und Sport, das vermischt sich. Wohnung, Beruf, Arbeit - die Spielerkameraden helfen.

Der 29-jährige Ahmad Alsaher, seine 25-jährige Frau Maysam und die kleine Reem machten sich vor einem Jahr auf den Weg und flüchteten. Im Herzen das Leben, das sie gerne weiter geführt hätten. Sie wohnten im Damaskus, besaßen ein Lebensmittelgeschäft, das sie verpachtet hatten. Ahmad betrieb einen Imbiss. Er hatte ein Haus, ein gutes Auskommen und spielte beim Erstligaclub Amal Alkunedura in der zweiten Mannschaft.

Auf Spielfeld getötet


Es gibt sie nicht mehr. Beim Fußballspiel schlägt eine Bombe ein. Im Halbkreis sterben fünf Fußballkameraden. Auch das Haus ist zerstört. Die Familie kratzt alles Ersparte zusammen, flieht in die Türkei, wartet auf die Überfahrt. Die Bootsfahrt ist ein Himmelfahrtskommando. Ahmad spricht nicht gern über die Flucht. 17.000 Euro hat sie der Familie gekostet. Das Geld ist weg.

Ahmad Alsaher wartet auf seine Anerkennung. Er würde beruflich gerne da weitermachen, wo er aufgehört hat, als Selbstständiger, als Imbissbetreiber. Oder eine Ausbildung in einem Beruf machen, wo er gebraucht wird.

Fußballschuhe organisiert


Als die Flüchtlinge nach Nabburg kamen, sprach Ulrike Lorenz vom Arbeitskreis Asyl beim TV vor. Ahmad ging mit seinem Bruder zum Kicken auf den Trainingsplatz. Platzwart Andreas Eckl, der immer ein waches Auge auf den Platz hat, sieht, "der kann was". Man kommt ins Gespräch, Ahmad ins Training. Nach vier Wochen hat er seinen Spielerpass für die Seniorenmannschaften. Andreas Eckl, Walter Bauer und Peter Haas nehmen ihn unter ihre Fittiche. Ahmad trägt den roten Trainingsanzug des TV, die Spieler haben Fußballschuhe organisiert. Der junge Syrer trainiert zwei Mal pro Woche, ebenso oft läuft er 20 mal um den Fußballplatz, um fit zu bleiben. "Ich bin ja schon 29 Jahre," lacht er. Ahmad spielt in der ersten oder zweiten Mannschaft in der Offensive.

Ehefrau Mayam stand auch schon mit Tochter Reem am Spielfeld, ist stolz auf ihren Mann. "Auch wenn sie mir kein Glück gebracht hat", schmunzelt Ahmad. Im Spiel gegen den SC Weinberg bekam er einen derartigen Schlag mit dem Ellbogen verpasst, dass die Wunde genäht werden musste. Reem zeigt auf die Stelle im Gesicht. Sie ist der größte Fan ihres Vaters. Die Fünfjährige geht in den Kindergarten und plappert auf deutsch schon munter drauf los. Kinder lernen schnell. Ahmad bemüht sich, besucht den Sprachkurs des Asylkreises, baut auf den Integrationskurs, den er nach seiner Anerkennung besuchen darf.

Menschliche Nähe


Im Sportheim geht die Tür auf. Peter Haas begrüßt 15 Leute aus Afghanistan, dem Irak und Syrien. Der Arbeitskreis Asyl hat sie geschickt. Haas informiert über den Verein und die Sparten. Wer will, kann mitmachen. Ahmad erhält eine Liste mit den Kontaktdaten. Er ist nun der Mittelsmann. Über die große Politik könnte man in der Tischrunde stundenlang reden. Das TV-Trio ist realistisch: "Manche Flüchtlinge werden integriert, andere Asylbewerber werden wieder gehen müssen.". Doch während dieser Zeit, im Ist und Jetzt, wollen sie über den Sport menschliche Nähe bieten: kämpfen, siegen, verlieren, ärgern, freuen, lachen und verstehen lernen.

Ahmad Alshaer erzählt, dass seine Familie eigentlich aus Palästina stammt, der Vater in jungen Jahren nach Syrien geflohen ist. Er erzählt von dem sechs Wochen alten Töchterlein Masa. Übersetzt heißt das "Diamant". Ahmad will "ein Leben für sie". Er sitzt mit Frau und Kindern in seinem kleinen Zimmer, neben Stock- und Kinderbett. Hier wird er auch mit seinen Brüdern und dem Vater Weihnachten feiern. Bei den Moslems zwar kein großes Fest, doch für Ahmad verbindend: "Euer Jesus ist in unserem Palästina geboren".
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