Bohrkerne als Zeitmaschinen

Aus 36 Metern Tiefe stammt dieser Klumpen Ton, den Dr. Johann Rohrmüller hier in Händen hält. Die Bohrarbeiten sind aufwendig. Maximal ist die Förderung von drei Metern Material pro Tag möglich. Bild: as
Lokales
Neualbenreuth
21.05.2015
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Bewiesen ist noch nichts. Aber die Indizien häufen sich: Das vermutlich jüngste vulkanische Ereignis in Bayern hat sich vor ungefähr 200.000 Jahren bei Neualbenreuth abgespielt.

Langsam arbeitet sich die Mannschaft in den Untergrund vor. Seit fünf Wochen brummen die Bohrgeräte in dem moorigen Waldstück am Fuße des Tillenbergs. Für Geologen ist das eine aufregende Angelegenheit. "Ich bin immer gespannt, was da rauskommt", sagt Dr. Johann Rohrmüller mit Blick auf den neuesten Bohrkern, den die beiden Mitarbeiter der Firma aus Hessisch Lichtenau gerade aufwendig aus der Tiefe befördert haben.

Der Referatsleiter für Geoinformation und Geomanagement am Landesamt für Umwelt in Marktredwitz kommt fast täglich, um den Bohrfortschritt zu beobachten. Bei 36 Metern ist man inzwischen angekommen. "Ich bin ganz zufrieden. Bisher haben wir das gefunden, was wir erwartet haben", zieht der Diplom-Geologe Zwischenbilanz. Was ihn und seine Kollegen natürlich brennend interessiert, ist die Frage: "Wie alt sind die Schichten?" Bis zur Beantwortung sind noch jede Menge Untersuchungen nötig. Dabei setzt das Landesamt auch auf Arbeitsgruppen verschiedener Universitäten.

Was Rohrmüller jetzt aus einem Ende der Bohrkerne pult, ist schluffiger Ton: ein klebriger Klops, der sich zwischen den Fingern gut formen lässt, von sehr feiner Struktur. Ans Tageslicht kommen Sedimente, nur gelegentlich durchsetzt mit Steinen, die in den Krater gefallen sein müssen. Von diesen Ablagerungen erhoffen sich die Forscher genauere Einblicke in die klimatische Vergangenheit der Oberpfalz. Im Laufe der Jahrtausende eingebrachte Pollen, Sporen, vielleicht sogar konservierte kleine Knochen: Die Bohrkerne aus dem verlandeten Maar könnten wertvolle Erkenntnisse bieten. Den Forschern eröffnet sich praktisch ein Zeitfenster, idealerweise bis in die Steinzeit.

Bislang sind die Arbeiter auf keine feste Schicht aus Glimmerschiefern gestoßen, wie sie sonst in der Umgebung vorherrschen. Und das ist ein gutes Zeichen für die Hypothese, dass es sich tatsächlich um ein Maar handelt. Entstanden vor rund 200 000 Jahren und damit ein richtiger Jungspund. Zum Vergleich: Das Maar, das die Geologen vor 13 Jahren in der Nähe von Ziegelhütte bei Friedenfels erkundet haben, ist 20 Millionen Jahre alt. Ein echter Methusalem.

"So ein Landschaftsprofil ist schon eine einmalige Sache", schwärmt Dr, Rohrmüller vom Neualbenreuther Maar. Belastbare Ergebnisse zur Klimageschichte sind frühestens in etlichen Monaten zu erwarten. Vorerst wird das erbohrte Material im Archiv des Landesamtes in Hof gelagert. Wie weit will man eigentlich vordringen? "Grundsätzlich schon möglichst tief, aber das hängt von vielen Umständen ab", verweist der Referatsleiter von der Marktredwitzer Dienststelle auf Schwierigkeiten mit dem lockeren Untergrund. Das Bohrgestänge muss immer wieder stabilisiert, das Nachrutschen von Material in das Bohrloch verhindert werden. "Wir wollten schon weiter sein", räumt der Geologe ein. Noch gut zwei Wochen werden die Bohrungen wohl andauern. Dann geht es an die Feinarbeit im Labor.

Rohrmüller hofft, dass sich die Vermutung "jüngstes Maar in Bayern" bestätigt. Und vielleicht ist der Trichter sogar jünger als das benachbarte Mytina-Maar, rund drei Kilometer entfernt am Rehberg kurz hinter der Grenze gelegen. Dort bohrten 2007 tschechische Wissenschaftler in Zusammenarbeit mit dem geologischen Institut Potsdam bis in 90 Meter Tiefe. Seitdem gilt der verlandete Trichter mit etwa 280 000 Jahren als jüngstes Maar Mitteleuropas außerhalb der Eifel. Darauf weist auch eine Info-Tafel des Geoparks Bayern-Böhmen direkt am Grenzübergang hin.
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