Schichtweise in die Steinzeit

Dr. Roland Eichhorn (links) und Dr. Johann Rohrmüller vom Landesamt für Umwelt erläutern zum Auftakt der Bohrarbeiten in der Nähe von Neualbenreuth den Hintergrund der Aktion. Dr. Rohrmüller zeigt den Plan mit den grün markierten Vulkangebieten im Westen sowie in der Rhön und in der Region mit dem jetzt erkundeten Maar bei Neualbenreuth, mit dem roten Punkt markiert. Bild: pz
Lokales
Neualbenreuth
09.04.2015
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Zielwasser brauchen die Arbeiter an der Bohrstelle keines. Aber vom "Schmiermittel", das Neualbenreuths Bürgermeister Klaus Meyer in einem Korb mitgebracht hat, verkosten Bohrmeister Ronny Koltermann und sein Helfer Lucas Hering gerne.

Das Landesamt für Umwelt (LfU) ist seit Donnerstag im Stiftland einem steinzeitlichen Vulkanausbruch auf der Spur. Geologen des LfU erkannten bei einer routinemäßigen Erkundung des Oberpfälzer Untergrunds eine große kreisförmige Struktur. Diese deutete auf eine Vulkanexplosion vor rund 200 000 Jahren hin - für Experten eine kleine Sensation. Denn das letzte vulkanische Geschehen liegt eigentlich rund 20 Millionen Jahre zurück (wir berichteten).

Die Bohrstelle in einer Senke südöstlich der Tillen-Gemeinde sieht eher unspektakulär aus: Ein Lastwagen mit einem großen Bohrgerät am Heck, daneben ein zweites Schwerlast-Fahrzeug mit einem Kran. Geräteführer Lucas Hering bringt das vier Meter lange Führungsrohr über die mit blauer Folie abgedeckten Bohrstelle in Position. Dann geht's los - begleitet von einem großen Medieninteresse.

Vier Meter pro Tag

Pro Tag gut vier Meter will Bohrmeister Ronny Koltermann von der Firma Anger schaffen und sich langsam vorarbeiten bis in 100 Meter Tiefe. Zum Start der Aktion war auch Bauleiter Christian Etschel gekommen. Etwa vier bis sechs Wochen also würden die Arbeiten dauern, erklärt Dr. Roland Eichhorn. Der Leiter des Geologischen Dienstes am LfU in Hof erläutert zusammen mit Dr. Johann Rohrmüller von der Außenstelle Marktredwitz beim Auftakt der Bohrungen am Donnerstag die Einzelheiten.

Glühend heiße Lava, die beim Aufstieg aus dem Erdinneren auf Grundwasser traf, löste einst eine gewaltige Dampf-Explosion aus. Ein riesiges Loch entstand: 300 Meter breit und gut 70 Meter tief ist der Krater, in der ansonsten aus Gestein bestehenden Erdschicht. "1000 Grad heißes Gestein und kaltes Wasser, da haut's oben den Korken raus", vergleicht Dr. Eichhorn das Geschehen einst mit dem nach dem heftigen Schütteln einer Sektflasche. Nachher bleibe ein See übrig. "Wir stehen jetzt auf einem See, der verlandet ist."

"Was für Archäologen verfüllte Brunnen sind, sind für Geologen mit eiszeitlichen Ablagerungen gefüllte Erdtrichter", sagt Dr. Eichhorn. "Darin konservieren sich Spuren längst vergangener Zeiten." Die Geologen versprechen sich vom Inhalt der Bohrkerne, die im Labor analysiert werden, wertvolle Erkenntnisse, etwa zur Klimaentwicklung und Flora in der Oberpfalz. Die schichtweise eingeschwemmten und eingewehten Pollen der umliegenden Sträucher und Bäume könnten Aufschluss geben über die Vegetation. Erste Erkenntnisse über den Inhalt der Bohrkerne werden übrigens in zwei Wochen erwartet.

Zurück in die Steinzeit

"Wir gehen mit der Zeitmaschine zurück in die Steinzeit", erklärt Dr. Eichhorn. Bei der vulkanischen Explosion vor gut 200 000 Jahren streiften schon Jäger und Sammler durch die Region, wie steinzeitliche Faustkeile belegen. Sie könnten Zeugen der Explosion gewesen sein. Heute aber seien nach landesweiten Untersuchungen des Untergrunds Vulkanausbrüche in Bayern ausgeschlossen.

Bürgermeister Klaus Meyer ist stolz auf die Bohrarbeiten in der geologisch interessanten Region um Neualbenreuth. "Ich wünsche mir, dass wir genau auf das stoßen, was Sie erwarten." Die Bohrung passe gut in das Konzept, den Tillenberg touristisch besser zu erschließen. Zum Anstoßen hat Meyer dunkelrotes "Schmiermittel" mitgebracht - Holunderlikör, zubereitet von den Damen in der Neualbenreuther Tourist-Info.

Über die Bohrung freut sich auch Geopark-Rangerin Sonja Schmid: Sie zeigt interessierten Besuchern bei speziellen Führungen regelmäßig den ehemaligen Vulkan am Eisenbühl und hat mit dem Maar bei Neualbenreuth eine weitere interessante Stelle, wo sie mit Sagen und Geschichten die Region erläutern kann.
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