Statistik zur ländlichen Entwicklung und zur Nahversorgung
In Neualbenreuth sieht die Welt ganz anders aus

Neualbenreuth liegt im Kreis Tirschenreuth, nahe der Grenze zu Tschechien. Lufbild: Michael Ascherl
Politik BY
Neualbenreuth
24.02.2016
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  Neualbenreuth: Rathaus |

Ein Ort, fast abgeschnitten von der Außenwelt. So steht die Marktgemeinde Neualbenreuth mit ihren knapp 1400 Einwohnern in einer aktuellen Studie da. Aber wie das so oft bei Statistiken ist: Die Wirklichkeit sieht ein bisschen anders aus.

Neualbenreuth. Es sind die - statistisch ermittelten - weiten Wege in der Nahversorgung, die die Gemeinde an der Grenze zu Tschechien im Zahlenwerk des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zum Schlusslicht gemacht haben: 10,55 Kilometer zum nächsten Supermarkt (die bundesweit größte ermittelte Distanz), 10,23 Kilometer zur nächsten Apotheke, 4,69 Kilometer zur nächsten ÖPNV-Haltestelle, aber immerhin im Durchschnitt "nur" 1,98 Kilometer zum (einzigen) Allgemeinmediziner und 1,55 Kilometer zur Grundschule des Ortes. Da stellen sich zwei Fragen: Wie ermitteln die Statistiker solche Werte? Und: Sieht so auch die Realität aus?

Zahlen mit "Schätzcharakter"


Markus Burgdorf vom BBSR in Bonn erläutert, dass die Basis der Erhebung zum Teil von "ganz gewöhnlichen" kommerziellen Datenanbietern kommt: Die Angaben über Supermärkte stammen von 2013, die zu den Hausärzten von 2011. Aus den amtlichen Schulverzeichnissen kommen die Zahlen zu Grundschulen (Stand: 2011-2013), aus dem Bundesapothekenregister die zu den Apotheken (2011). Bei den Haltestellen half eine Fahrplanabfrage: Berücksichtigt wurden nur solche Stationen, von denen aus man innerhalb von 30 Minuten die nächste Stadt erreichen kann, die den Status eines Mittelzentrums hat.

"Natürlich kann man dann nicht die Distanz zu den einzelnen Wohnhäusern jeder Gemeinde oder Stadt messen", sagt Burgdorf. Stattdessen werde über jeden Ort ein Raster mit 250-Meter-Abständen gelegt, dann die mittlere Entfernung zu den Nahversorgungspunkten errechnet. In Kombination mit der jeweiligen Einwohnerzahl werden Mittelwerte ermittelt. "Der Wert für eine einzelne Gemeinde könnte bereits durch einen einzigen fehlenden Standort verfälscht sein und nicht mit der Situation vor Ort übereinstimmen", räumt der Forscher ein. Er betont, dass man bei der Deutung der Werte deren "Schätzcharakter" und Datenlücken beachten müsse. Ganz grundsätzliche Aussagen über die Versorgungslage in der Stadt und auf dem Land ließen sich anhand der Zahlen aber sehr wohl treffen.

Die Frage nach der Realität in Neualbenreuth, dem großen "Statistik-Verlierer", kann wohl am besten Klaus Meyer beantworten. Er ist Bürgermeister der Stiftland-Gemeinde und nimmt die Datenlage mit einer gewissen Gelassenheit zur Kenntnis. "So unterversorgt sind wir dann auch wieder nicht", sagt er. Bäcker, Metzger und Getränkemarkt seien vor Ort - und die Medikamente bekomme man sogar direkt an die Haustür geliefert, von Apotheken aus dem benachbarten Waldsassen. Da lässt es sich verschmerzen, dass die Wege zum Sibyllenbad oder zum Golfclub Stiftland deutlich kürzer sind als der zum nächsten Supermarkt. "Ein Discounter direkt am Ort würde sich einfach nicht rentieren", sagt Meyer, "und ich rechne auch nicht damit, dass sich in absehbarer Zeit einer ansiedelt." Man könne nun einmal nicht überall alles haben.

Bald Bad Neualbenreuth


Die Oberpfälzer hätten sich mit der Lage arrangiert: "Dass wir hier auf dem Land ein Auto brauchen, das wissen wir längst." Für Menschen ohne Auto gebe es Angebote wie den Anrufbus "Baxi", der landkreisweit ein dichtes Netz abdecke. "Und mit der Katholischen Landjugend möchte ich einen Einkaufservice für Senioren aufbauen: Junge Leute mit Führerschein nehmen die Bestellungen auf und bringen die Einkäufe dann zu den Kunden nach Hause." Meyer, der damit rechnet, dass seine Gemeinde spätestens 2017 den Bäderstatus bekommt, gibt sich entspannt: "Die Realität ist weit weniger dramatisch, als die Statistik glauben macht."

Interaktive Datengrafik mit allen Oberpfälzer Gemeinden: www.onetz.de/1199380

Stimmen aus dem Netz

Senioren haben das Nachsehen


Wir haben die Onetz-Leser auf Facebook (facebook.com/oberpfalznetz) nach ihren Erfahrungen mit der Nahversorgung auf dem Land gefragt. Hier einige Antworten:

"Gerade für Senioren oder andere Menschen, die nicht weit kommen ohne Hilfe, wäre es wichtig, Supermärkte im Zentrum zu lassen. Aber der Trend ist ja, alles auszulagern ... Wenn man dann aber eh schon in Bus/Bahn/Auto steigen muss, kommt's auf ein paar Kilometer mehr oder weniger auch nicht mehr an." Nimsay Yassa Rellüm

"Nächstes Jahr eröffnet hoffentlich der Dorfladen. Denn seit November haben wir nicht mal mehr 'ne Bank." Thorsten Bauer (Schwarzenbach)

"Bei uns hat das Dorfwirtshaus zugemacht, dann der kleine Discounter, der Bäcker ist auch schon bald im Rentenalter und die Sparkasse hat sich bereits verabschiedet. Ohne Auto hat man da echt ein Problem..." Beate Berner-Schmausser (Poppenricht)

"Wohnen in Neuzirkendorf bei Kirchenthumbach. Netto, Arzt und (Grund)-Schule in Kirchenthumbach. ... Schlimm find ich's für die älteren Mitbürger. Hier gibts nicht mal mehr 'ne Apotheke, auch wieder ca. 10-15 km bis zur nächsten." Mascha Hassler

"Ich find es für ältere Menschen, die direkt in der Stadt Weiden wohnen, schon problematisch, dass kein Supermarkt zu Fuß erreichbar ist." Conny Beer

"Meine Oma wohnt in Fischbach bei Nittenau und fährt immer nach Schwandorf zum Einkaufen. Ihr macht das nichts, sie freut sich, wenn sie rauskommt." Steffi Schubert
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