Jubiläum "425 Jahre Fraisch"
Kulturraum in Europas Mitte

In der Gemeinde Neualbenreuth wird am Wochenende das Jubiläum "425 Jahre Fraisch" gewürdigt, mit einem umfangreichen Programm. Bild: Grüner
Vermischtes
Neualbenreuth
23.06.2016
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An einem Festwochenende vom 24. bis 26. Juni wird die Marktgemeinde Neualbenreuth mit der Fraisch den wichtigsten Aspekt ihrer geschichtlichen Vergangenheit auf verschiedenste Weise in Erinnerung bringen. Ein Festvortrag und ein Freilichttheater sind die Höhepunkte.

Um 1100 waren die beiden späteren Kolonisatoren Eger und Waldsassen erstmals auf die Bühne der Heimatgeschichte getreten: 1061 die spätere Reichsstadt als kleine Kaufmannssiedlung am gleichnamigen Egerflüsschen, 1133 die Zisterze Waldsassen als Tochterkloster von Volkenroda in Thüringen. Kaum mehr als eine Stunde Fußmarsch voneinander entfernt lebten beide fast ein halbes Jahrtausend in enger Nachbarschaft. Das Gebiet um Neualbenreuth hatte aus der erfolgreichen Siedlungstätigkeit beider größten Nutzen gezogen. Denn viele Ortschaften diesseits und jenseits der Grenze verdanken ihnen ihren wirtschaftlichen Aufschwung.

Sowohl die Freie Reichsstadt als auch das reichsfreie Stift - beide letztlich nur dem Kaiser verantwortlich - waren ständig bemüht, die sich immer enger ineinander verflechtenden vielen Kleinbesitztümer in Böhmen und im Stiftland durch Tausch, Kauf oder Schenkung abzurunden, um sie später als einheitliches Territorium leichter handhaben zu können. Dass dieser juristische Fleckerlteppich aus stiftischen und egerischen Einzelansprüchen vermehrt Anlass zu Streit gab, lag auf der Hand. Auf beiden Seiten verlor man sich in immer hartnäckigerem Hin und Her ohne die erkennbare Absicht, sich langfristig einigen zu wollen. Erfolgversprechende Ergebnisse blieben wegen ihres geringen Verbindlichkeitsgrades fast unwirksam. Das Reich griff nicht nachhaltig ein.

Unglück oder Auftragsmord?


Am Abend des 26. November 1589 wurde "uff des Frytschen Teuch" in der Nähe von Hundsbach, dem heutigen Siechenteich an der Staatsgrenze, "der ehrbare Egerer Sattler Jorg Mayerhofer mit einem Schuss gar jemmerlich ableibig gemacht" - von einem stiftischen Forstmann. Versehen oder Absicht? Unglück oder gar gezielter Auftragsmord? Der Waldsassener Stiftshauptmann Ruprecht vom Thein jedenfalls musste davon gewusst und das Verbrechen mehr als geduldet haben. Denn noch in der Nacht war der Tote, der eine "wittib und vier arme Waislein" hinterließ, auf einem Mistwagen nach Waldsassen gebracht und dort beerdigt worden. Als die Egerer davon erfuhren, waren alle Waldsassischen, die sich gerade in der Stadt aufhielten, "verstrickt", also in Geiselhaft genommen worden.

Kaiser Rudolf II. greift ein


Zum Weihnachtsfest des Mordjahres hatte der Kaiser das erste von sieben Originalmandaten an den Waldsassener Stiftshauptmann senden lassen mit dem Befehl, den Ermordeten auf die "mahlstatt", den Tatort, zurückzuschaffen. Die Äbtischen jedoch wähnten sich im Recht, weil der Tote auf stiftischem Grund gelegen habe und rückten das Opfer nicht heraus. Die Reichsstadt hingegen wollte das Verfahren zuerkannt bekommen. Schließlich ging es um einen ihrer angesehenen Bürger, der auf ihrem Grund ermordet und ihr von dort widerrechtlich "entfrembt" worden war. Beide Argumente sollten sich im Nachhinein als richtig erweisen.

Kaiser Rudolf II. war klar, dass er nun eine Entscheidung treffen musste, die nicht nur für diesen komplizierten Fall, sondern auch für ähnliche Fälle in der Zukunft Gültigkeit hatte. Wegen der Säkularisation waren inzwischen die Kurpfalz "von des Stifts wegen" und die "Krone Böhaim als Inhaber der Reichspfandschaft für Eger" Partner jener nachbarlichen Differenzen geworden, was dem Kaiser die Entscheidung kaum erleichtert haben dürfte. Er legte 18 Monate nach dem Mord einen Text vor, der mit Wirkung vom 3. Oktober 1591 als Fraisch-Vertrag in die Geschichte einging. Die eher eigenbrödlerische Rechtsprechung von Stift und Reichsstadt wurde abgeschafft und durch die zwar provisorische, aber dennoch kluge "Hochfraißliche Jurisdiction" ersetzt.

"Malefizfälle"


Kern dieser kaiserlichen Vorgabe waren einzeln beschriebene 60 "Malefizfälle", die wegen der Schwere ihres Rechtsverstoßes einer höchstrichterlichen Entscheidung bedurften - auszuüben "alternatim", wechselweise "ein jahr umbs ander" von der Stadt Eger bzw. vom Stift Waldsassen. Durch die Festlegung des Gültigkeitsbereichs innerhalb der "Wechselfraisch" war aus dem zunächst juristischen Konstrukt geografisch das Fraischgebiet erwachsen.

Fraisch-Vertrag endet vor genau 170 JahrenNeue Abmachungen zwischen Österreich und Bayern im Zuge der aufkeimenden Idee der Nationalstaatlichkeit anfangs des 19. Jahrhunderts zogen 1846 den Schlussstrich unter diese historische Episode. Auf den Tag genau vor 170 Jahren, am 25. und 26. Juni 1846, muss es deshalb im Landgericht Waldsassen und im Egerer Rathaus recht eng zugegangen sein. Denn just an diesen beiden Tagen hatten sich sämtliche österreichischen und bayerischen Untertanen der hoheitsrechtlich gemischten Ortschaften im Fraisch-Gebiet in Person ihrer Haushaltsvorstände dort einzufinden, um sich die Ent- und Einpflichtung vom alten in den zukünftig neuen Staatsverband (K.u.k. - Österreich bzw. Königreich Bayern) von den beiden Grenzbegehungs-Kommissaren bestätigen zu lassen. Damit hatte der Fraisch-Vertrag ab 1846 inhaltlich, durch die Unterzeichnung des Staatsvertrages von Wien 16 Jahre später auch staatsrechtlich sein Ende gefunden. Das Fraisch-Gebiet diesseits und jenseits der heutigen Staatsgrenze zu Tschechien wurde für immer geteilt, blieb den beiden Nachbarn als gemeinsame Gestaltungsaufgabe für die Zukunft jedoch erhalten.
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