Der gebürtige Tunesier Ben Fattoum Saifallah fand bei der Feuerwehr Neukirchen neue Kameraden
Feuerwehr zum Wohlfühlen

Nach einem Jahr bei der Feuerwehr Neukirchen sitzen die Handgriffe. Der gebürtige Tunesier Ben Fattoum Saifallah packt sowohl bei Übungen, als auch im Einsatz kräftig mit an. Bilder: Steinbacher (3)
 
Erst nach seinem Umzug nach Deutschland machte Ben Fattoum Saifallah den Führerschein - entsprechend stolz sitzt er neben 1. Kommandanten Manfred Lösch hinter dem Steuer des Feuerwehr-Busses.

Feuerwehrmann - so ganz ohne Berufsausbildung? Als Ben Fattoum Saifallah vor zwei Jahren von Tunesien nach Neukirchen zog, konnte er das anfangs nicht glauben. Er trat der Wehr bei, kämpfte sich durch die unbekannten Fachbegriffe und lernte die Vorgehensweise im Einsatz. Doch nicht nur deshalb erwies sich die Feuerwehr als Bereicherung für ihn.

Routiniert zieht sich Ben Fattoum Saifallah die schwarze Uniform mit den silbernen Reflektoren an Armen und Beinen über und setzt sich den Helm auf. Sobald der Pieper alarmiert, muss es schnell gehen - eines der ersten Lektionen, die der 28-Jährige bei der Feuerwehr Neukirchen lernte.

Vor acht Jahren lernte der gebürtige Tunesier seine heutige Frau kennen, als sie Urlaub in Tunis machte. "Sechs Jahre führten wir eine Fernbeziehung, bis wir vor zwei Jahren heirateten", erklärt Ben Fattoum Saifallah. Der 28-Jährige zog nach Neukirchen, doch der Anfang war schwer - ein fremdes Land, eine Sprache, die er kaum verstand und keine Arbeit. "Das war schlimm für mich. Irgendwann habe ich einen Freund gefragt, wo er abends immer hingeht. Er erzählte mir von der Feuerwehr. Ich habe mich sofort dafür interessiert. In meiner alten Heimat braucht man dafür eine Berufsausbildung."

Nachdem er einen Sprachkurs besucht und seine Deutschkenntnisse verbessert hatte, trat der 28-Jährige der Wehr bei. "Wir haben uns sehr gefreut, als er zu uns gekommen ist. Wir haben ihm gleich einen Helm und eine Jacke gegeben. Dadurch war er sofort integriert und einer von uns - nur so funktioniert es. Er war nie nur Zaungast, darauf haben wir Wert gelegt", betont Manfred Lösch, 1. Kommandant der Feuerwehr Neukirchen. Auch Ben Fattoum Saifallah denkt gerne an sein erstes Training zurück. "Das war lustig und aufregend. Ich habe viele Begriffe nicht verstanden, deshalb habe ich gefühlte tausend Mal nachgefragt. Aber alle hatten sehr viel Geduld mit mir."

"Wir haben alle zusammen geholfen und ihm die Vorgänge, Begriffe und Arbeitsweisen immer wieder erklärt. Natürlich geht das nicht von heute auf morgen, aber er ist sehr wissbegierig und motiviert - dadurch lernte er sehr schnell", resümiert Lösch. Auch in die Gemeinschaft der Wehr habe sich Saifallah schnell eingefunden - ein wichtiger Schritt für die Integration des 28-Jährigen, ist er sich sicher. "Alle waren nett zu mir. Dadurch habe ich mich viel wohler gefühlt. Die Leute verstehen mich und wir können uns über die verschiedensten Dinge austauschen. Das hilft natürlich sehr, wenn man in einem fremden Land ist."

Erlebtes verarbeiten


Doch die neuen Freundschaften seien nicht von alleine gekommen. "Wenn man nicht auf die Menschen zugeht und sich selbst bemüht, kann man auch nichts erwarten." Oft trifft sich der gebürtige Tunesier mit seinen Kameraden im Feuerwehrhaus - auch nach Einsätzen.

"Wir reden gemeinsam über das, was wir bei Unfällen oder anderen Einsätzen erlebt haben. Das ist wichtig - anders wird man oft mit dem Erlebten nicht fertig", erklärt der erste Kommandant. Eine Erfahrung, die auch der 28-Jährige bei seinem ersten Einsatz machen musste - ein tödlicher Unfall. "So etwas habe ich vorher noch nicht gesehen. Ich habe diese Bilder zwei Wochen nicht aus meinem Kopf bekommen", erinnert sich Ben Fattoum Saifallah. Manfred Lösch und 1. Vorstand Dennis Marx hätten ihn durch viele Gespräche geholfen, das Gesehene zu verarbeiten. "Ich erzähle meinem Kameraden oft von meinen Erlebnissen und wie ich damit umgehe. Wir arbeiten auch eng mit einem Kriseninterventionsteam zusammen", erklärt Lösch.

Angst vor dem nächsten Einsatz habe Saifallah nicht gehabt, allerdings vor dem Moment, "wieder einen Menschen vor mir liegen zu sehen." Die Mitarbeit bei der Wehr sei dem 28-Jährigen vor allem aus einem Grund ein Anliegen: "Es gibt doch nichts Schöneres, als anderen Menschen zu helfen, die in Not sind. Wenn ich meinen Beitrag dazu leisten kann, ist das erfüllend für mich."

Mittlerweile absolvierte er erfolgreich die Truppmannausbildung und erhielt ein Leistungsabzeichen. Einen Bereich, in dem er am liebsten arbeite, gebe es nicht. "Mir macht alles Spaß - vom Sichern einer Unfallstelle bis hin zum Fahren des Feuerwehrbusses. Nach vier Einsätzen ist Saifallah zwar noch kein Profi, aber routiniert. "Für mich ist es am aufregendsten, wenn der Pieper geht und man so schnell wie möglich zum Feuerwehrhaus fahren muss. Im Auto bin ich fokussiert und bereite mich auf möglichen Situationen vor. Ich nehme meine Aufgabe ernst."

Gewinn für das Team


Manfred Lösch weiß, dass er sich auf seinen neuen Kameraden verlassen kann. "Er ist ein sehr hilfsbereiter Mensch. Wenn ich nachts bei etwas Hilfe bräuchte, wüsste ich, dass ich ihn jederzeit anrufen könnte." Dieses Engagement würdigte er während einer Truppenausbildung mit einer besonderen Aufmerksamkeit. "Wir haben gegrillt und einen schönen Abend verbracht. Ich bin Moslem und esse kein Schweinefleisch. Manfred hat an mich gedacht und wir extra Geflügelwürste gekauft. Darüber habe ich mich sehr gefreut." In den kommenden Wochen möchte er sich dafür revanchieren - mit einem selbst gekochten, tunesischen Nationalgericht.

Doch nicht nur Kommandant Lösch schätzt sein Engagement. "Ich habe mich schon oft gefragt, wie er das macht. Er hat in zwei Jahren so gut Deutsch gelernt, macht mittlerweile eine Schreiner-Ausbildung und hat sich völlig in unsere Gemeinschaft integriert. Das ist bewundernswert", lobt Dennis Marx. "Grundsätzlich bin ich mir sicher, dass zwei unterschiedliche Kulturen nur voneinander lernen können. Wir sind froh, ihn in unserem Team zu haben", betont Lösch.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.