Stefan Rohrer zeigt im Museum Lothar Fischer künstlerische Variationen des Automobils
Schwung für eine Konsum-Ikone

"Highway Patrol", "Schleudertrauma" oder "Vespa" (Bild) heißen sie, die tragik-komischen Objekte, die der Bildhauer Stefan Rohrer aus Rollern und Autos oder aus deren Einzelteilen aufbaut. Bild: Marcus Rebmann
 
"Ölfleck" (2014). Bild: Frank Kleinbach

Wer sich heute in ein Fahrzeug setzt, spürt etwas wie Freiheit und Unabhängigkeit, genießt eine Mobilität, die ihn einmal mehr am Fortschritt im Sinne des Fortschreitens teilnehmen lässt. Der Stuttgarter Künstler Stefan Rohrer hat einen anderen Bewegungs-Begriff. Den zeigt er momentan im Fischer-Museum in Neumarkt.

Von Rudolf Barrois

Als der Mensch lernte, das Rund eines Rades in Fortbewegung umzusetzen, schuf er sich einen wesentlichen Antrieb in die Zukunft. Hethiter und Ägypter haben mit dem Ausbau dieser Erfindung im Bereich der Militärtechnik Weltreiche erobert, die Römer jagten zur Belustigung des Publikums Rennwagen mit Pferdegespannen durch die Arenen, heutzutage abgelöst durch die schwindelerregenden Rasereien in modernen Autorennen.

Stefan Rohrer (geboren 1968 in Göppingen, jetzt in Stuttgarten lebend und arbeitend) ist ein Künstler, der einen wesentlichen Teil seines Schaffens einer Ikone unserer Konsumgesellschaft widmet, dem Automobil. Jetzt wurde er für seine Arbeiten mit dem Lothar-Fischer-Preis (Schwerpunkt Bildhauerei) ausgezeichnet. Bis 30. Oktober zeigt das Neumarkter Museum wesentliche Exponate aus seiner Werkstatt.

Rohrers Werk zeigt auch nach über 125 Jahren Automobilgeschichte, dass das Auto immer noch viel mehr ist als nur ein fahrbarer Untersatz zur schnelleren Fortbewegung, Es hat heute mehr denn je den Charakter eines Mythos, eines Fetischs gar, der den Herzschlag der weltweiten Wirtschaft mitbestimmt.

Zerlegen in Einzelteile


Der Mensch erfährt aber auch die Schattenseiten des Geschwindigkeitsrausches. Umweltschäden durch zu hohe Abgaswerte, Bilder von hoffnungslos zugestopften Verkehrsadern mit Infarktcharakter. Unfallstatistiken belasten den Mythos Automobil dort, wo Vernunft vor dem Vergnügen zurücktritt. Rohrer formt all diese Aspekte rollenden Fortschritts aus Autokarosserien, Motorrollern und Modellautos zu unverwechselbaren Skulpturen. Zerlegt in Einzelteile, werden sie zu neuen Formelementen. Rohrer zeigt hierbei größte handwerkliche Finesse und Genauigkeit.

Die neuen Gebilde schwingen elegant in den Raum, verbinden sich dabei mit neu geordneten Einzelteilen zu überraschender Ästhetik, machen Geschwindigkeit sichtbar. Das Objekt scheint in Bewegung zu geraten, hebt ab in den Raum. Zugleich aber werden Grenzen der Wahrnehmung erreicht, wenn rasante Bewegung zur Zerstörung gerät, die Schattenseite des Geschwindigkeitsrausches wird sichtbar und erlebbar. Ein Automobil löst sich zur Hälfte auf in eine unendliche Fluchtlinie.

Bewegung und Flucht


Eine rote Vespa, Kultobjekt der späten Fünfziger und im Erlebnis der Wiedergeburt begriffen, scheint sich zu einem Salto aufzulösen, formt dabei eine Spirale, die Teile des Fahrzeugs zerdehnt und eine Spiralbewegung bringt. Auf Hochglanz gebracht sind diese Fantasien von Fortbewegung und Flucht, Der Betrachter sitzt mitten drin in seinen Wünschen und Erinnerungen, die ihn mit dem Auto verbinden. Erst auf den zweiten Blick entdeckt der Betrachter die tragische Komponente. Der Unterschied zwischen Spiel und Wirklichkeit wird klar.

Beinahe verspielt wirken dagegen die dynamischen Objekte, in denen Rohrer Modellautos in rasante Kreise und Spiralen treibt. Sie tragen Titel, die Kultcharakter haben: Le Mans, das an das legendäre 24-Stunden-Rennen erinnert, oder Higway Patrol, mit einem Polizeifahrzeug auf einer amerikanischen Fernstraße. Route 66 und Easy Rider lassen grüßen. Es sind Spielzeuge aus Kindertagen, die dem erwachsenen Betrachter das Erinnern leichter machen, die Einzelbilder wieder zum Erlebnis werden lassen.

Auch Stefan Rohrer hat eine künstlerische Verbindung zu Lothar Fischer, der sich schon in den sechziger Jahren mit Mobilität, und Automobilkult beschäftigte. Während des Ausstellungsprogramms werden Schüler Gelegenheit haben, sich mit Fischers Plastik "Straßenkreuzer" zu beschäftigen, die - zugegeben - Eleganz und Dynamik von Rohrers Objekten nicht hat. Aber der Künstler war begeistert und hat dem Gefährt ein Denkmal gesetzt. Schon 1965 gelang Fischer mit seinem "Op-Bob" ein beeindruckend rasantes Abbild von Geschwindigkeit.

ServiceAusstellung: Stefan Rohrer (Lothar-Fischer-Preis 2015). Bis 30. Oktober.

Ort: Museum Lothar Fischer, Weiherstraße 7a, 92318 Neumarkt .

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag, 14 bis 18 Uhr; Samstag/Sonntag, 11 bis 18 Uhr.

Kontakt: Telefon: 09181/510348

Weitere Informationen:

www.museum-lothar-fischer.de www.stefanrohrer.de
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