Vom mittelalterlichen "Niwnburg" zur liebenswerten Kleinstadt
Blick in die Geschichte

Idyllisch liegt Neunburg an der Schwarzach. Die Silhouette der Kirche und des Schlosses prägen das Stadtbild. Bild: Stadt Neunburg
Kultur
Neunburg vorm Wald
21.04.2017
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Noch immer begrüßt das mächtige neue Burgtor die Besucher, wenn sie Kirche, Festspielort und Schlossanlage besichtigen wollen. Bild: Mardanow
 
Jährlich locken die Burgfestspiele "Vom Hussenkrieg" viele Besucher aus der ganzen Region nach Neunburg vorm Wald. Bild: Gerhard Götz
 
Pfennige aus dem Beginn des 15. Jahrhunderts (Durchmesser circa 1,4 Zentimeter). Bild: Agnes Jonas

Bereits in der Steinzeit lebten und jagten Menschen entlang der Naab und Schwarzach. Irgendwann siedelten sie und gründeten Ortschaften. Vor 1000 Jahren wurde "Niwnburg" erstmals urkundlich erwähnt. Das war der Beginn der geschriebenen Geschichte.

Von Peter Pauly

Dort, wo heute Neunburg und der Ortsteil Aign liegen, können bereits in vorgeschichtlicher Zeit Siedlungen entstanden sein: Geschützte Höhen, Wald und Wasser waren ideale Voraussetzungen, sich hier sesshaft zu machen. Funde aus der Region stützen diese Vermutung. Und wenn am Anfang des 11. Jahrhunderts Neunburg auf Münzen mit "civitas" bezeichnet wurde, was zu dieser Zeit auch "Burg" oder "Amtssitz" heißen konnte, dann zeigt das: Neunburg war nicht unbedeutend.

Schriftliche Erwähnung allerdings findet "Niwnburg" erstmals in einer Urkunde, die Kaiser Heinrich II. am 26. April 1017 ausstellte. Darin übergab er - in heutiger Schreibweise - die Ortschaften Gütenland, Diendorf, Hillstett und Wenigrötz dem Bamberger Domstift, während der in dem Pergament ebenfalls aufgeführte Ort "Siukinriut" bisher nicht identifiziert werden konnte. Zur Lokalisierung der fünf Orte wird Neunburg genannt. Diese urkundliche Erwähnung nun ist der Anlass der Tausendjahrfeier.

Von Wittelsbachern


Nach wechselnder Herrschaft verkaufte das Adelsgeschlecht der Truhendinger 1261 Neunburg an das Haus Bayern. Die sich später "Wittelsbacher" nennenden Fürsten waren bis 1918 Landesherren, wobei zunächst die pfälzischen und danach die Münchner Wittelsbacher über Neunburg herrschten. Bedeutendster Sohn der Stadt war Pfalzgraf Johann (1383 - 1443) aus der nur kurze Zeit existierenden Wittelsbacher Linie Neunburg-Neumarkt, die mit dem Tod König Christofs von Dänemark, Schweden und Norwegen - dem Sohn Johanns - endete. Johann selbst "kämpfte an mehreren Fronten":

Mit dem ihm zugestandenen Erbe, einem Flickenteppich-Fürstentum in der "oberen Pfalz" ohne das Gebiet um Amberg, war Johann unzufrieden. Deshalb versuchte er, seinen Besitz "abzurunden" und ging, den Gepflogenheiten der Zeit gemäß, nicht zimperlich vor.

Johann setzte die von seinem Vater König Ruprecht mit der Gründung des Spitals begonnene Bautätigkeit fort. Er ließ in Neunburg die Toranlage der Burg zugunsten des neuen Rathauses abreißen, das damit über dem Burggraben und über der wichtigen Straße steht, die in den Süden und nach Böhmen führt. Der Pfalzgraf erweiterte die Burgkapelle zu einer kleinen dreischiffigen Basilika und legte fest, dass er dort seine letzte Ruhestätte finden soll. Er legte auf Bitten seiner ersten Gemahlin Katharina von Pommern-Stolp den Grundstein für das Kloster Gnadenberg - und er baute das Jagdschloss Heimburg.

Größte Probleme bereiteten ihm die Hussiten, die wiederholt in sein Territorium einfielen. Mehrmals zog er mit den Reichs- und Kreuzzugsheeren nach Böhmen. 1433 gelang es seinem Oberpfälzer Heer unter dem Feldhauptmann Hindschi Pflug von der Schwarzenburg, ein zahlenmäßig weit überlegenes hussitisches Heer bei Hiltersried zu schlagen. Das seit 1983 alljährlich im Burghof aufgeführte Festspiel erinnert an die Schlacht. Es ist aber kein Stück aus einseitiger Sicht: Fehler und Grausamkeiten beider Seiten werden gezeigt, und schließlich erfahren wir, dass "das Zweitschlimmste nach einer verlorenen Schlacht eine gewonnene Schlacht" ist.

Krieger und Klöster


Entsetzliches Leid brachte der Dreißigjährige Krieg über die Stadt: Kontributionen, Truppendurchmärsche, kostspielige Einquartierungen, Brandschatzungen und Seuchen. Mindestens zweimal wurde die Stadt belagert: 1634 schlossen die Schweden die Kaiserlichen ein. 1641 wurde ein schwedisches Kontingent unter Oberst Slange von kaiserlichen und bayerischen Truppen unter Führung des Erzherzogs Leopold Wilhelm belagert. Der aus der Nähe von Neunburg stammende protestantische Dichter Georg Greflinger beschreibt in seinem gewaltigen Epos "Der Deutschen Dreyßig/Jähriger Krieg" die Ereignisse. Über das Ende der Belagerung heißt es: "Es war auch endlich nichts von Pulver mehr zugegen / und dennoch wehrt' er [Slange] sich mit Steinen von den Wegen. / Da alles was er that vor ihn vergebens war, / Ergab er thränend sich ... mit aller seiner Schaar / Von vierhalb tausend Mann / auf Gnad und Ungenaden." Das geschah am 31. März. Neunburg war eine der ersten Städte, die wenige Jahre nach der Reformation einen lutherischen Prediger einstellten. Es wurde aber nach häufigen Konfessionswechseln infolge der Niederlage seines Landesherrn Friedrich V., des Winterkönigs, 1621 den Münchnern unterstellt und zur Rekatholisierung gezwungen. Ein Schmied brachte seinen Ärger über die häufigen unfreiwilligen Konfessionswechsel mit einer Inschrift an seinem Haus zum Ausdruck: "Ich wollt je gern sein trew und stät / Wenn man mir nur desgleichen thät. / Weil ich aber untrew befind / So heng ich 'n manttel nach dem Wind."

Schließlich fand man sich mit dem neuen alten Glauben ab. 1723 errichteten Franziskaner - von den Neunburgern begrüßt - in der ehemaligen Reiterkaserne vor den Toren der Stadt ein Kloster, das bis zur Säkularisierung 1803 sein segensreiches Wirken entfaltete. Die Auflösung von Kirchenbesitz brachte aber eine selbst verschuldete Bildungsmisere mit sich, insbesondere die Mädchenerziehung auf dem Lande lag im Argen. Um diesen Missstand abzustellen, gründete die Nonne Karoline Gerhardinger (später Theresia von Jesu) aus Stadtamhof die "Kongregation der Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau". Die Stadt bot der neuen Gemeinschaft Heimat: die noch nicht verramschten Reste der Klosteranlage dienten ab 1834 als Unterkunft und Gründungshaus der Kongregation.

Das Kriegsende


Viele Söhne der Stadt verloren im Zweiten Weltkrieg ihr Leben, Neunburg selbst blieb vom Krieg verschont. Die schwärzeste Zeit erlebte die Stadt am Kriegsende: SS-Männer trieben ausgemergelte Häftlinge aus dem KZ Flossenbürg nach Süden in die "ominöse Alpenfestung". Wer nicht mehr gehen konnte, wurde erschossen oder erschlagen, Hunderte wurden so getötet und auf dem Plattenberg sowie im Zeitlarner Hölzl verscharrt. Die Ende April 1945 in die Pfalzgrafenstadt einziehenden Amerikaner erfuhren davon, die Neunburger mussten am 29. April die Leichen wieder ausgraben, sie in eilig gezimmerte Särge legen und in einer Prozession vom Plattenberg auf den Friedhof tragen. Alle Bürger hatten dann an den offenen Särgen vorbei zu gehen. In dem 1949 angelegten Ehrenfriedhof am Fuße des Plattenberges fanden 625 Opfer ihre letzte Ruhestätte.

Die Bundeswehr


1961 und 1962 wurde mit einem Aufwand von etwa 50 Millionen Mark die Pfalzgraf-Johann-Kaserne "aus dem Boden gestampft", 1963 zogen die ersten Soldaten ein. In der Kaserne waren ein Artillerie- und ein Panzerbataillon sowie eine selbstständige Panzerjägerkompanie und Kleindienststellen stationiert. Die Bundeswehr war mit ausschlaggebend, dass notwendige Infrastrukturmaßnahmen zur Sicherung der Versorgung mit Strom und Trinkwasser sowie der Abwasserbeseitigung durchgeführt wurden.

Mit weiteren umfangreichen Bundesmitteln konnten Schulen mit Turnhallen neu errichtet werden, die Kirchen erhielten Zuwendungen für Erweiterungsbauten, die Straße nach Bodenwöhr und das Schwimmbad konnten gebaut werden, und es wurden 141 Wohneinheiten für Soldaten und Bundesbedienstete erstellt. So war die Bundeswehr ein Meilenstein in der Stadtentwicklung Neunburgs.

Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass sich beginnend mit der bayerischen Gebietsreform 1972 und danach Politiker jedweder Couleur und auf allen Ebenen mehr mit der Minimierung des Verlusts an Wählerstimmen bei "Rückbau" und "Umwidmung" als mit deren Nachteilen befassten. So verlor das kleine Neunburg nicht nur den Status der Kreisstadt, sondern wurde auch fast aller Ämter, des Krankenhauses und letztlich auch noch der Bundeswehr verlustig. Aber Neunburg half sich selbst: Überlegte Standortpolitik führte dazu, dass sich neue Unternehmen ansiedelten.

So gibt es zum Beispiel neben metallverarbeitenden Fabriken einen Betrieb, der weltweit computergesteuerte Anlagen entwickelt, und Werke, die elektronische Produkte herstellen; auch Fabriken der Nahrungsmittelherstellung mit bekannten Namen schufen Arbeitsplätze. 2016 beliefen sich die Einnahmen aus der Gewerbe- und der Einkommensteuer auf etwa 8,5 Millionen Euro beziehungsweise 3,5 Millionen Euro - mit der Folge, dass die Stadt beim Gemeindefinanzausgleich mit an der Spitze der Gebergemeinden des Landkreises Schwandorf liegt. Heute ist Neunburg auf dem besten Weg zu einer kundenfreundlichen Einkaufsstadt mit einer Vielzahl von Geschäften unterschiedlichster Branchen.

Sport und Kultur


Daneben wird Neunburg seinem Ruf als Stadt des Sportes und der Kultur gerecht: So sind neben den Sportvereinen der "Kunstverein Unverdorben" und die "Akademie Ostbayern-Böhmen" mit vielfältigen Veranstaltungen aktiv. Die - auch mit Fördermitteln - neu errichtete Schwarzachtalhalle bietet ein abwechslungsreiches Programm. Die heimatverbundenen Neunburger sind in unzähligen Vereinen aktiv. Regelmäßig überzeugen die Stadtkapelle, die Musikschule und der Gesangsverein mit hochkarätigen Veranstaltungen; legendär sind die Konzerte der "Smetana Philarmoniker Prag" unter dem aus Neunburg stammenden Chefdirigenten Hans Richter. Das Festspiel "Vom Hussenkrieg" hat die Stadt weit über die Oberpfalz hinaus bekannt gemacht. Nach wechselvoller Geschichte ist das familienfreundliche Neunburg in der Zukunft angekommen.

Veranstaltungen zum JubiläumSamstag, 22. und Sonntag, 23. April: Schwarzachtal-Messe.
Samstag, 29. April: Führungen durch Stadt und Museum.
Sonntag, 30. April: Festgottesdienst, anschließend szenische Stadtführung und Familientag.
Festspiel "Vom Hussenkrieg": 8./15./16./21./28. Juli und 4. / 5. August.
Festwoche vom Samstag, 22., bis Montag, 31. Juli, mit Jubiläumsgottesdienst sowie Festzug am Sonntag, 23. Juli, und Mittelaltermarkt vom 29. bis 30. Juli
Kulturherbst des "Kunstvereins Unverdorben": Samstag, 16. September, Musiktheater "Play Luther" und Kunstausstellung "Ahoi". Höhepunkt ist das "Jahrtausendkonzert" der Bayerischen Philharmonie am Montag, 2. Oktober, in der Schwarzachtalhalle.
Thema der "Akademie Ostbayern Böhmen": "Unsere Region im Wandel", Sonderausstellungen im Schwarzachtaler Heimatmuseum: "Die Postgeschichte Neunburgs" und "Bilder der Stadt".

Weitere Informationen:
www.neunburgvormwald.de
www.kunstverein-unverdorben.de
www.akademie-neunburg.de
www.hussiten.de
facebook.com/1000Neunburg
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