Wenn "letzte Tage" auf "Die Verwandlung" treffen
Von Düsternis und Ungeziefer

Authentische Szenen mit Gänsehautfaktor trugen Karl Stumpfi und Wolfgang Huber (von links) aus dem Drama "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus vor. Bilder: weu (2)
Kultur
Neunburg vorm Wald
11.10.2016
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Die Aufführung von Kafkas "Die Verwandlung" brachte das engagierte Laienschauspielensemble Ovigo einen Schritt höher auf der Erfolgsleiter.

Mit den "K-und-K-Tagen" setzte der Kunstverein sein vielfältiges Programm im vierten Kunstherbst fort. Eine eindrucksvolle Lesung und ein spannendes Theaterstück rückten zwei deutschsprachige Autoren von Weltrang in den Fokus.

Mit dem Karl-Kraus-Lesetheater am Freitag wurde in der evangelischen Versöhnungskirche an "Die letzten Tage der Menschheit" aus dem Endzeitdrama des vor 80 Jahren verstorbenen Wiener Satirikers erinnert. Am Samstag kam die dramatische "Verwandlung" von Franz Kafka, der ebenso wie Karl Kraus aus dem Böhmischen stammte und jüdische Wurzeln hatte, auf die Bühne der Schwarzachtalhalle.

Spuren von Apokalypse


Mit leiser Orgelmusik, gespielt von Matthias Eckel-Binder, wurde das Lesetheater in der nur spärlich beleuchteten Versöhnungskirche eingeläutet. Wie Pfarrer Gerhard Beck zunächst ausführte, erinnern Kriege immer an Apokalypse. Ob der Abend angesichts des Themas "Die letzten Tage der Menschheit" schön werde, sei dahingestellt, betonte der Geistliche. Auf jeden Fall werde es ein "bewegender Abend".

Aus den Akten 4 und 5 trugen Karl Stumpfi, der die Textbearbeitung übernommen hatte, und Wolfgang Huber 17 Szenen vor, die durch ihren Inhalt betroffen machten. "Wien im Weltkriegsjahr 1917. Grundlose Fröhlichkeit wechselt mit dumpf brütendem Schweigen. Ein Spalier von Krüppeln, Invaliden, deren Köpfe und Gliedmaßen in unaufhörlichen Zuckungen begriffen sind. Bettler, Blinde und Sehende mit erloschenen Blicken . . .". Diese düstere, hoffnungslose Stimmung zog sich durch alle Szenen. Zynisch klang das Gedicht über die Wallfahrtskirche, deren Kreuz aus einer Granate geschnitten wurde: "Lasst Granaten Weihrauch qualmen. Wenn sie den Feind zermalmen, gehen die Sünden dahin."

Die "Amtlichen Verlautbarungen des Wiener Magistrats" zur Verwendung von Lebensmittelmarken am Urlaubsort hätten wegen ihrer akribischen Anweisungen das Potenzial zum Schmunzeln gehabt - wenn die Gesamtsituation nicht traurig gewesen wäre. Kuriose Redewendungen kamen beim Gespräch von "Optimist und Nörgler" zum Vorschein: "Die Beschießung eines Platzes war ein Bombenerfolg" und "Die Nachricht vom Brand verbreitete sich wie ein Lauffeuer." Mit dem Finale "Aus Tod wird Tanz, aus Hass wird Gspaß" endete ein beeindruckender Abend.

Begleitet wurden Karl Stumpfi und Wolfgang Huber bei ihrem Vortrag von Einspielern von Gustav Mahlers 6. Sinfonie "Tragische". Mit dem "Lied von der Presse" und dem Couplet 2 "Mir bleibt doch nichts erspart" von Karl Kraus setzte Jürgen Zach mit Gitarre und Gesang besondere Akzente. Der Spendenerlös des Abends kommt der Orgelrenovierung zugute.

Im Bann des Gregor Samsa


Am Samstag füllte "Die Verwandlung" von Franz Kafka die Schwarzachtalhalle. Das Stück, das Regisseur Florian Wein als Bühnenversion für das Theaterensemble "Ovigo" geschrieben hat, interessierte unter anderem die komplette Oberstufe des Ortenburg-Gymnasiums, die mit ihrem Schulleiter Ludwig Pfeiffer und einigen Lehren gekommen war. Mit ausgefeilten Lichteffekten, schrillen Kostümen und gekonntem Theaterspiel wurden die Zuschauer fast drei Stunden in den Bann des als Ungeziefer verwandelten Gregor Samsa gezogen. Was die Welt des jungen Mannes so sehr aus den Fugen geraten ließ, wurde erst nach und nach durch Auftritte des "echten" Gregors und die schwierigen Charaktere in seiner Umgebung deutlich. Ein glanzvolles Stück, das die engagierten Laienschauspieler einen Schritt weiter auf der Erfolgsleiter brachte.
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