Aus Chaos die Lehren ziehen

Peter Wunder, Hans Fischer, Karl Stumpfi, Beate Seifert, Philipp Mardanow und Burga Männer (von rechts) erwiesen sich beim "Kulturellen Kaleidoskop" als authentische Lektoren und vermittelten den Zuhörern die anspruchsvollen Texte. Bild: weu
Lokales
Neunburg vorm Wald
10.11.2015
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Eine bunte Auswahl an literarischen Texten erwartete die Besucher beim Abschluss der Themenwoche "1945: Aufbruch ins neue Deutschland". Informative Sachtexte, Tondokumente und Musikbeiträge ließen das Programm zum "kulturellen Kaleidoskop" werden.

Mit "Capri-Fischer", dem bekanntesten Schlager des Nachkriegsdeutschlands, den man auch als Hymne des Wiederaufbaus bezeichnen kann, begann der mit Spannung erwartete Abend. Im Namen des Kunstvereins "Unverdorben" begrüßte Vorsitzende Beate Seifert im Gasthaus Sporrer ein handverlesenes Publikum. "Dieses Lied von Rudi Schuricke verkörpert die Sehnsucht nach einem Stück heiler Welt und nach dem Land Italien, in das es die Menschen in der Zeit des Wirtschaftswunders gezogen hat", sagte Hans Fischer, der durch das Programm führte.

Moral ohne Bedeutung

Philipp Mardanow trug einen erschütternden geschichtlichen Rückblick vor, der die Kriegssituation in Neunburg und deren Auswirkungen aufzeigte. Dazu hatte Peter Wunder eindrucksvolle Fotos ausgewählt, die er bei einer Präsentation einblendete. Von dem Chaos, das 1944/45 herrschte, erzählte auch der Ausschnitt aus "Der wilde Kontinent" von Keith Lowe. Nicht nur die materielle, sondern auch die institutionelle Infrastruktur war zerstört und die persönliche Moralität hatte jegliche Bedeutung verloren.

Ein Ausschnitt aus Heinrich Bölls "Wanderer, kommst du nach Spa" sowie "Das Brot" von Wolfgang Borchert spiegelten die Betroffenheit der Menschen wider. Um auch den künstlerischen Aspekt im Kaleidoskop zu berücksichtigen, wurden Gemälde von Emmy Klinker eingeblendet, die das Grauen und die Not der Menschen deutlich machten. Die "Todesfuge" von Paul Celan, Pflichtlektüre jedes Germanisten, die Burga Männer, Beate Seifert und Philipp Mardanow vortrugen, stellte ein ergreifendes Beispiel dar, die Gräueltaten des Nazi-Regimes in den Konzentrationslagern zu verarbeiten.

Der Neuanfang in West- und Ostdeutschland wurde in Dokumenten aus Neunburg aufgezeigt sowie durch den Vortrag "Die Revolution entlässt ihre Kinder". Mit zwei Geschichten des Amberger Schriftstellers Friedrich Brandl ("Dubble Bubble" und "Geld") kamen die Erlebnisse von Kindern in der Besatzungszeit zur Sprache. "Lernen wir aus der Geschichte?", ist die über allem stehende Frage, die auch jedes Jahr beim "Hussenkrieg"-Festspiel gestellt wird. Karl Stumpfi und Philipp Mardanow trugen als Antwort Ausschnitte aus Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter" vor.

Zum Nachdenken anregen

Um eine Wiederholung dieses Kriegselends zu vermeiden, waren sich alle Lektoren mit Wolfgang Borcherts "Dann sag: Nein" einig. Der zum Nachdenken einladende Abend mit authentischen und ambitionierten Lektoren und beeindruckenden Bildern beendete eine Reihe von nachwirkenden Vorträgen und Lesungen über die Zeit vor 70 Jahren, dem Ende des zweiten Weltkrieges.
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