Drei Wegbereiter für Europa

Vertreter von Stadt und Festspielverein ehrten mehrere "Hussenkrieg"-Mitwirkende für ihren langjährigen Bühneneinsatz. Zuvor hatte Professor Dr. Petr Hlavácek (vordere Reihe, rechts) das Wirken der drei europäischen Kirchenreformer John Wyclif, Jan Hus und Martin Luther beleuchtet. Bild: Mardanow
Lokales
Neunburg vorm Wald
20.07.2015
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Es war eine Reise in den "Herbst des Mittelalters": Beim Festakt von Stadt und Festspielverein beleuchtete Professor Dr. Petr Hlavácek, Karls-Universität Prag, wie die Reformatoren John Wyclif, Jan Hus und Martin Luther die Weichen für die Neuzeit stellten. "Ihre Lehren erzeugten eine fruchtbare Spannung, die Europa in Bewegung brachte."

Nach der Begrüßung durch Helmut Mardanow, Vorsitzender des Festspielvereins, überbrachte Bürgermeister Martin Birner die Grüße des Schirmherrn, Regierungspräsident Axel Bartelt, und übermittelte dessen Dank für die "unwahrscheinliche Gastfreundschaft" bei der Premiere. Das Stadtoberhaupt würdigte das Engagement und die Leidenschaft des Theaterensembles - "ohne euere tatkräftige Unterstützung wäre das Festspiel nur halb so viel wert".

Eine Epoche der Wende

Zum Thema "Wyclif, Hus, Luther - eine gemeinsame europäische Geschichte", ergriff danach Festredner Petr Hlavácek das Wort. Er nahm seine Zuhörer mit in die Zeit ab der Mitte des 14. Jahrhunderts, die von großen politischen, religiösen und sozialen Umwälzungen gekennzeichnet war. "Es war eine Wendezeit, eine Epoche des Paradigmenwechselns", verdeutlichte der Historiker.

Gerade in der Zeit des "abendländischen Schismas" - ab 1409 stritten sich drei Päpste um den Stuhl Petri - fiel reformatorisches Gedankengut auf fruchtbaren Boden. Von England aus hatten sich die Lehren des Theologen John Wyclif auf ganz Europa ausgebreitet. "Für ihn war der Papst der Antichrist, er wollte das Papstprimat abschaffen." Der als "Doctor Evangelicus" geschätzte Wyclif wurde vom Klerus als Häretiker abgestempelt. Über 30 Jahre nach seinem Tod wurde er auf dem Konzil in Konstanz noch zum Ketzer erklärt, seine Gebeine ausgegraben und verbrannt.

Englische Studenten hatten Wyclifs Schriften nach Prag gebracht. Dort las sie auch Jan Hus, der seit 1398 Professor an der Karlsuniversität war, ab 1402 predigte er in der Bethlehemskapelle. Seine Predigten auf Tschechisch sprachen viele seiner Zuhörer an. Hus setze sich für eine Erneuerung der Kirche ein und geißelte den Ablasshandel und den Ämterkauf des Klerus. Für ihn war Gott und nicht der Papst der Kopf der Kirche. Vor seinem Tod auf dem Scheiterhaufen in Konstanz am 6. Juli 1415 hatte er zwei Jahre zuvor seine Schrift "De Ecclesia" (Über die Kirche) verfasst, die eine ganz neue Definition des Katholizismus beinhaltete.

"Wir sind alle Hussiten"

In Deutschland sah Martin Luther Hus' Verbrennung als Unrecht an, in seinen Schriften verteidigte er dessen Botschaft immer wieder. "Wir sind alle Hussiten, ohne es zu wissen", betonte der Mann aus Wittenberg, der sich wie Hus für die Kelch-Kommunion für Laien einsetzte. "Er war ein kerniger Denker, der die Selbstzufriedenheit der katholischen Kirche zerstört hat", betonte Dr. Hlavácek.

"Diese drei Persönlichkeiten an der Wende zur Neuzeit haben das alte Bewusstsein für den unendlichen Wert der Menschen vor dem Antlitz Gottes neu geweckt", stand für den Referenten fest. Während Wyclif den Funken entzündet habe, hielt Hus eine Kerze, während es bei Luther schon eine "strahlende Fackel" war. Ihre Ideen und Lehren hätten Europa in Bewegung gebracht. Die damalige Krise hätten diese drei Reformer als Chance und Herausforderung begriffen, Hlavácek appellierte an seine Zuhörer, sich daran mit Blick auf heute ein Beispiel zu nehmen.

Im Anschluss wurden langjährige "Hussenkrieg"-Mitwirkende ausgezeichnet. Das Bläserquintett der Stadtkapelle hatte den Festakt musikalisch gestaltet.
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