Ein Aufbruch voller Mühsal

Der Schriftsteller Wolfgang Borchert wurde 1921 in Hamburg geboren. Der Kriegsheimkehrer starb 1947 im Alter von 26 Jahren. Bild: Wolfgang-Borchert-Archiv
Lokales
Neunburg vorm Wald
30.10.2015
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Auch der dritte Kunstherbst hat eine literarische Themenwoche im Angebot: "Aufbruch 1945" beleuchtet die Zeitenwende nach dem Zweiten Weltkrieg.

Den Auftakt zur Themenwoche bestritt am Freitagabend Franz Spichtinger im Pfarrsaal Sankt Georg: Unter dem Motto "1945: Aufbruch ins neue Deutschland" zeigte der ehemalige Vorsitzende des Katholischen Diözesanrats eine Bilddokumentation über den Zeitraum vom Kriegsende bis zum Wirtschaftswunder.

Weiter geht es am Dienstag, 3. November, wenn um 19.30 Uhr im "Hussitenkeller" des Alten Landratsamtes ein Stück Weltliteratur als "Lesetheater" präsentiert wird. In Kooperation mit dem Festspielverein steht "Draußen vor der Tür" nach dem Drama von Wolfgang Borchert auf dem Programm. Kulturbeauftragter Karl Stumpfi hat eine rund 90-minütige Lesefassung erstellt und schlüpft gemeinsam mit Beate Seifert (Kunstverein) und Philipp Mardanow (Festspielverein) in die Lektorenrolle. Die Begleitung übernehmen Musikanten der Instrumentalgruppe "Der Kelch". Der Eintritt ist frei, Spenden zugunsten des Neunburger Festspielvereins sind erwünscht.

Leid eines Traumatisierten

"Draußen vor der Tür" spielt an einem einzigen Abend nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Kriegsveteran Beckmann zurück in seine Heimatstadt kommt. Er ist traumatisiert und versucht, sich mit einem Sprung in die Elbe das Leben zu nehmen, doch diese spuckt ihn wieder aus. So beginnt für den Kriegsheimkehrer ein Abend des Leidens. Beckmann trifft zuerst "den Anderen " - ein Fremder, der ihm erklärt, dass er als Ja-Sager und Optimist immer an seiner Seite sein werde.

Eine junge Frau hat Mitleid mit dem Mann, der noch immer mit der Gasmaskenbrille aus dem Krieg umherirrt. Sie nimmt ihn mit zu sich nach Hause und gibt ihm die Jacke ihres Mannes, der seit Stalingrad vermisst wurde. Beckmann sieht den Mann vor sich und verlässt die Wohnung fluchtartig. Von einem zweiten Suizidversuch kann ihn "der Andere" abhalten. Er schlägt ihm vor, seinen militärischen Vorgesetzten zu besuchen. Beckmann möchte ihm die Verantwortung zurückgeben und sich so von seinen Schuldkomplexen befreien. Doch der Oberst und seine Familie machen sich über den ungebetenen Gast lustig und haben kein Verständnis für dessen Problem.

Wahrheit interessiert nicht

Mit einer herben Enttäuschung endet auch Beckmanns Versuch, von einem Kabarettdirektor engagiert zu werden. Dieser erklärt ihm zwar, dass er Talent habe, doch sei der Vortrag zu bitter und zu hart. Wenn er auch die Wahrheit sagte, würde diese niemanden interessieren. "Der Andere" bringt Beckmann schließlich dazu, seine Eltern aufzusuchen. Aber auch dieses Treffen endet in einem Fiasko, als er dabei erfährt, dass seine Eltern sich das Leben genommen hätten. Draußen vor der Tür und völlig verzweifelt bricht Beckmann zusammen. Als er aus seinem Traum erwacht, ruft er klagend nach Gott und fragt nach einer Antwort, doch niemand antwortet ihm.

Ihren Abschluss findet die literarische Themenwoche am Freitag, 6. November, 20 Uhr, im Saal des Gasthofs Sporrer mit einem multimedialen Leseabend unter dem Titel "Nachkriegsjahre - ein kulturelles Kaleidoskop". Ein von Hans Fischer ausgewählter Mix von Texten aus dem neu entstehenden Literaturbetrieb in Deutschland wird ergänzt mit Informationen zum zeitgeschichtlichen Hintergrund. Beispiele aus Presse, Film, Funk und Fernsehen veranschaulichen die allmählich entstehende neue Alltagskultur.

Zu Wort kommen berühmte Autoren wie Heinrich Böll, Bert Brecht und Paul Celan, aber auch regionale Schriftsteller wie Friedrich Brandl. Zitate aus Protokollen und behördlichen Dokumenten der Nachkriegszeit stellen lokale Bezüge her. Der Eintritt ist frei, Spenden für den Kunstverein Unverdorben sind erbeten.
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