Granteln mit Kult-Status

Unter Bayerns Kabarettisten gibt Gerhard Polt noch immer die Richtung vor. Dem Publikum in der Schwarzachtalhalle legte er seine Sicht der Dinge wie immer grantelnd und hintersinnig dar. Bild: Mardanow
Lokales
Neunburg vorm Wald
15.05.2015
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Die vier Mannsbilder auf der Bühne teilen aus: Sie motzen, musizieren, singen und schimpfen gegen Politik, Vereinsmeierei, Polizei-Gewalt und Milchpreisverfall. Gerhard Polt und die Brüder Well sind bissig wie eh und je: 900 Zuschauer in der Schwarzachtalhalle klatschen und jubeln.

Seit Monaten ist das Gastspiel ausverkauft. Die "Biermösl Blosn" gibt's zwar nicht mehr, doch wenn die Well-Brüder Michael, Christoph und Karli gemeinsam mit Kabarett-Urgestein Polt ins Scheinwerferlicht treten, hat das nach wie vor Kult-Status beim Publikum. Und die Erwartungen werden erfüllt: Zunächst kriegt der Veranstaltungsort sein Fett weg - die Brüder kanzeln in ihren Gstanzln Neunburg zum "Pfalzgrafencenter-Erwartungsland" ab und spötteln, dass sich die Stadt kein "Luxus-Klo im Peterhäusl" leisten kann. Und die Ewigkeit werde hier den Kindern mit "Wenn der Drogeriemarkt fertig ist" erklärt.

In Hochform präsentiert sich Gerhard Polt - wie immer ein Motzer und Grantler vor dem Herrn. Er ist zwar mittlerweile 73 Jahre alt, doch altersmilde ist er nicht geworden. Noch immer hält er der Gesellschaft den Spiegel vor, geißelt das Kleinbürgertum und philosophiert sich durch die Abgründe des Zwischenmenschlichen: "Ich sag's jedem, egal ob es ihn interessiert oder nicht."

Die "Biermösl Blosn" gibt's zwar nicht mehr, doch wenn die Well-Brüder Michael, Christoph und Karli gemeinsam mit Kabarett-Urgestein Polt ins Scheinwerferlicht treten, hat das nach wie vor Kult-Status beim Publikum. Bilder von Philipp Mardanow


Die Figuren, die Polt auf der Bühne spielt - irgendwie ist ihnen jeder schon einmal begegnet. So wie der Feuerwehr-Vorsitzende, der fürs Jubiläum "ein 2000-Mann-Bierzelt braucht, damit auch kulturell was hergeht", oder der passionierte Autofahrer, der - "wegen des grünen Gewissens" - seiner Frau keine Knöpfe aus Elfenbein im neuen Auto erlaubt, weil er Krokodilleder vorzieht.

Im Wechsel mit Polt stellen die Well-Brüder ihr instrumentales Multi-Talent unter Beweis. Mit Drehleier, Bachtrompete, Gitarre, Tuba, Quetschn, Harfe und Kontrabass begleiten sie ihre Lieder, teilen gesangliche Seitenhiebe gegen übereifrige Dorffeuerwehren aus und klatschen Polizei-Gewalt und Justiz-Verfehlungen musikalisch gegen die Wand. Auch Bürgermeister Martin Birner kriegt sein Fett weg: Er tue und mache zwar war er mag, "vorher aber muss er den Klaus Zeiser (Sprecher der CSU-Stadtratsfraktion, Anm. d. Redaktion) fragen". Doch warum sollen ihnen die Neunburger deswegen böse sein: "Wir haben schon in Weiden gespielt, doch das schönere, schlauere und besser angezogene Publikum sitzt hier." Und dem bleibt das Lachen auch schon mal im Halse stecken, wenn sich Gerhard Polt als Rentner ärgert, "wenn Lehrer über Nazis reden und dabei nicht mal einen Krieg mitgemacht haben". Der 73-Jährige - seit fast 40 Jahren im Kabarettgeschäft - ist dann am besten, wenn er - fast wie im Selbstgespräch - vor sich "hinsodern" kann. "Ohne Geld bist du kein Demokrat, sondern nur ein Demograttler", mosert er und wettert gegen die Politiker in Berlin, die "keine Meinung haben, aber sie durchsetzen wollen".

Da wirkt es fast schon wie ein Aufruf zur Anarchie, wenn später Christoph Well als Rapper "Little Milli" gegen den Milchpreis-Verfall fordert: "40 Cent - oder der Aldi brennt." Das Fazit des Abends kommt aber von Kabarett-Altmeister Polt: "Sich aufregen hilft auch nichts. Dann kommen wir wieder zur Politik - und den Schmarrn sparen wir uns." Kein Widerspruch, dafür tosender Beifall aus dem Auditorium.
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