Heimat ohne Seelenruhe

Beim Leseabend des Kunstvereins Unverdorben in Kooperation mit dem Festspielverein las Karl Stumpfi (rechts) mit vollem Einsatz den Beckmann aus Borcherts "Draußen vor der Tür". Beate Seifert und Philipp Mardanow überzeugten ebenfalls in ihren Rollen. Bilder: weu (2)
Lokales
Neunburg vorm Wald
05.11.2015
2
0

Traumatisiert kehrte der Kriegsveteran "Beckmann" zurück in seine Heimatstadt Hamburg. Wie es ihm dann erging, wurde den Gästen im Hussitenkeller bei der Lesung des Stücks "Draußen vor der Tür" von Wolfgang Borchert erschütternd vor Augen geführt.

"Ein Mann kommt nach Deutschland. Er war sehr lange weg. Er kommt anders wieder als vorher." Diese einführenden Worte des Kulturbeauftragten Karl Stumpfi, der die Lesefassung zu dem Borchert-Drama erstellt hat und sie zusammen mit Beate Seifert und Philipp Mardanow vortrug, wurden von heftigem Trommelwirbel begleitet. Beckmann steht am Ufer der Elbe und springt, aber er wird wieder ausgespuckt.

"Ich kann nicht mehr. Immer hungern und humpeln", ist die Begründung für seinen versuchten Selbstmord, "wenn alle, die Hunger haben, sich ersaufen würden, wäre die Welt wohl so kahl wie eine Glatze". Damit spricht er die Not und das Elend an, die nach dem Krieg herrschten. Drei Jahre Gefangenschaft in Sibirien hat er hinter sich und "ein steifes Bein als Andenken, sonst vergisst man den Krieg zu schnell". Auch die Kniescheibe hätten sie in Russland gestohlen. Beckmann trifft "den Anderen", der als Ja-Sager Optimismus verbreiten will. Eine junge Frau, deren Mann in Stalingrad vermisst wurde, hat Mitleid mit ihm und spricht ihm Mut zu ("Jetzt geht es aufwärts!"). Als er die Jacke dieses Mannes trägt, sieht er ihn als Einbeinigen vor sich und flieht. Entfremdung, Identitätsverlust und die Rückkehr in ein unbekanntes Deutschland, das sich nicht mehr in sein Weltbild eingliedern lässt, bestimmen Beckmanns Handeln, das von Karl Stumpfi einfühlsam und authentisch dargestellt wurde. Die weiteren Rollen erfüllten Beate Seifert und Philipp Mardanow mit Leben.

Halt an Gasmaske

Das Festklammern des Protagonisten an seiner alten Gasmaske symbolisiert das Nicht-ablassen-Können von der gespenstischen Vergangenheit. Es spiegelt die zerrüttete, in Trümmern befindliche Nachkriegsgesellschaft wider, in der sich die Soldaten nicht resozialisieren können. Dies wird auch deutlich, als Beckmann den Oberst aufsucht, um ihm die Verantwortung zurückzugeben und sich so von seinen Schuldkomplexen zu befreien. "Schlafen Sie gut, Herr Oberst?", fragt Beckmann, der für den Tod von elf Menschen verantwortlich ist. "Wie viele Geister sind es bei Ihnen, die jede Nacht erscheinen? 2000? Dann können Sie auch die Verantwortung für mich übernehmen", fordert Beckmann.

Mensch oder Komiker

Der Oberst schmettert jedoch Beckmanns Versuch, Seelenruhe zu finden, ab und sagt: "Sie sind ein Komiker. Werden Sie wieder ein Mensch!" Nach dem Besuch seines Elternhauses, in dem sich Vater und Mutter vergast haben, erkennt Beckmann, dass sich für ihn keine Tür öffnen lässt, dass er immer draußen, ausgeschlossen bleiben wird.

"Warum schweigt ihr denn? Gibt es denn keine Antwort?", schreit Karl Stumpfi alias Beckmann in den Saal, begleitet von lautem Trommelwirbel. Das Licht geht aus. Zurück bleibt ein betroffenes Publikum, das die Glanzleistung der drei Akteure mit viel Applaus belohnt. Der Vorsitzende des Festspielvereins, Helmut Mardanow, bedankte sich bei den Lektoren für die authentische Darstellung und bei der Musikgruppe "Der Kelch" (Evi Schmid, Burga Männer und Georg Schmid), die für die passende musikalische Umrahmung sorgten, mit den Worten: "Das war hervorragend."
Weitere Beiträge zu den Themen: November 2015 (9608)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.