Warten und würfeln

Im Café International treffen viele Nationalitäten aufeinander: Die Gäste kommen aus Aserbaidschan, Iran, Irak, Syrien, Albanien, Serbien, Mazedonien und aus der Ukraine. Beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel gelten für alle die gleichen Regeln, und nebenbei wird Deutsch gelernt. Bild: Bugl
Lokales
Neunburg vorm Wald
20.11.2015
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Lange sieht es so aus, als würde die Sprachpatin gewinnen. Dann ist Chalil am Zug, würfelt die ersehnte Eins und gewinnt die Mensch-ärgere-dich nicht-Partie. Ein Sieg unter vielen an diesem Tag im Café International.

Café International - so heißt der Treffpunkt für Asylbewerber, die im Pfarrsaal von St. Josef Kontakt zum Gastland knüpfen können. "Wir sind als Café gestartet, und inzwischen sind wir ein Helferkreis", sagt Klara Wagner. Die 67-Jährige hält zusammen mit Helga Reimer und Pfarrer Stefan Wagner bei diesem Projekt die Fäden in der Hand.

Bilder und Spiele

An diesem Mittwoch sind es noch fünf Minuten bis zur offiziellen Öffnungszeit, aber viele Tische sind schon besetzt. Neben Waffelschnitte und Kirschkuchen liegen seitenweise Abbildungen von Gegenständen, deren Namen die Mehrheit hier noch nie gehört hat - zumindest nicht auf Deutsch. "Das ist eine Jacke", erfährt der junge Mann, der neben sich schon eine ganze Liste mit neuen Wörtern liegen hat. "Kennst du die Monate?", fragt eine Frau ihr Gegenüber, und zwei Stühle weiter erklärt ein Neunburger, dass "Seele" ein ganz wichtiges Wort ist, eines, für das man schon mal das Handy-Lexikon zu Rate ziehen sollte. Deutsch für Fortgeschrittene.

Lebhafter geht es am Tisch nebenan zu. "Eins zwei drei...", wird hier gezählt, wenn die Spielfigur auf dem Mensch-ärgere-dich-nicht-Brett kräftig ausschreiten darf. Der jüngste in der Runde schafft es noch nicht ganz, seinen Ärger zu verbergen, als er zum wiederholten Mal aus dem Spiel geworfen wird.

Ezdin hat sich nach einer Runde Pauken zu den Frauen in die Küche gewagt. Er will auf keinen Fall zurück in seine Heimat, erzählt der 23-Jährige Iraker in gebrochenem Deutsch den Mitarbeiterinnen im Helferkreis. "Lieber will ich auf der Straße schlafen", sagt er und zeigt ein Foto mit einem Berg aus Betontrümmern. Das war mal sein Haus, zerstört von Anhängern des Islamischen Staates in einem Land, in dem es schon die Kurden nicht leicht haben und erst recht nicht die Jesiden. "Jesiden, darüber weiß man eigentlich wenig, das sollten wir mal nachschlagen", gesteht eine seiner deutschen Zuhörerinnen.

Auch Julia, die in der Küche mit ihrer Tochter Karolina große Plätzchen aussticht, will nicht nach Hause zurück, in die Ukraine nach Luhansk. Seit sieben Monaten ist sie hier und ganz stolz, dass ihre Tochter jetzt in die erste Klasse geht. Daheim hätte sie Angst bei jedem Schritt auf der Straße. Angst, dass es ihr ergehen könnte wie einer Bekannten, die sich den Annäherungsversuchen eines Bewaffneten widersetzte - und dafür erschossen wurde. "Sie war erst 24, ihre beiden Kinder haben jetzt keine Mutter mehr." Doch die Schatten der Vergangenheit sind schnell verdrängt, wenn sie von ihren Zukunftsplänen erzählt: In der Altenpflege würde sie gern arbeiten oder in der Neunburger Chipsfabrik. Denn auf Dauer ist es nicht einfach, das Zusammenleben in der Neunburger Asylbewerberunterkunft, mit so vielen Menschen unterschiedlicher Nationalitäten auf engstem Raum.

Traurige Rückkehrer

"Die ersten Monate waren schwierig", gesteht Julia. Und jetzt steht erneut ein Umbruch an, denn die ersten Bewohner haben erfahren, dass ihr Asylantrag abgelehnt wurde. "56 Personen aus den Balkanländern müssen zurück", berichtet Klara Wagner, die im Café International so ziemlich alle Gäste kennt und auch die traurigen Gesichter ausmachen kann. "Sie müssen jetzt zurück, im Winter, ohne Geld, ohne Heizung." Chalil aus Aleppo hat vielleicht mehr Glück, weil nicht Armut sondern Krieg herrscht in seiner Heimat in Syrien. Während an den Tischen im Café International kleine Siege in der schweren deutschen Sprache verbucht werden, hat er beim "Mensch-ärgere-dich-Nicht" als erster der insgesamt vier Spieler alle schwarzen Spielsteine - und vielleicht auch sich selbst - ins sichere "Häuschen" gebracht.
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