Weltliteratur bei Kunstherbst-Themenwoche im Pfarrsaal
Weltliteratur als Lesetheater

Die Hauptakteure des Lesetheaters auf dem Podium: (von links) Wolfgang Süß als "Optimist", Ulrich Wabra als "Nörgler", Karl Stumpfi ("Zeitungsausrufer" u. a.) und Wolfgang Huber ("Patriot" u. a.). Bild: agr
Lokales
Neunburg vorm Wald
22.10.2014
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Von "außergewöhnlich" bis "einmalig" reichten die Reaktionen aus dem Publikum. In der Kunstherbst-Themenwoche wurde den Zuhörern im Pfarrsaal ein Stück Weltliteratur schmackhaft gemacht.

Das Stück "Die letzten Tage der Menschheit" des Österreichers Karl Kraus wurde im Pfarrsaal als Lesetheater inszeniert. Und das neue Gewand für dieses Stück Weltliteratur kam beim Publikum an: "Ein außergewöhnlicher Abend, der zum Nachdenken anregt", bilanzierte Stadtpfarrer Stefan Wagner nach der Vorstellung. Ehrenbürger Theo Männer hatte schon in der Pause seine Begeisterung kundgetan: "In Neunburg noch nicht dagewesen und einmalig." Lautstarker Applaus der rund 80 Zuhörer bekräftigte diese Einzelmeinungen über die szenische Lesung.

In einer Co-Produktion der Pfarrei Sankt Josef und des Kunstvereins "Unverdorben" präsentierte ein Rezitatoren-Quartett ausgewählte Szenen und Dialoge aus dem Vorspiel und den ersten drei Akten des Endzeitdramas des Wiener Satirikers Karl Kraus (1847 bis 1936). Seine Chronik des Ersten Weltkriegs mit dem Titel "Die letzten Tage der Menschheit" handelt von lokalen Begebenheiten im Hinterland und an der Front. Sie beginnt mit der Nachricht von der Ermordung des Thronfolgerpaares in Sarajevo und reicht bis zur Katastrophe des Zusammenbruchs, die in eine Vision von der Vernichtung des Geistes als den wahren Weltuntergang mündet.

Ausgewählte Szenen

Der Verfasser selbst hielt das Stück mit über 200 Szenen für unaufführbar. In einer eigens für den Kunstherbst erarbeiteten Fassung wurden 25 Szenen ausgewählt und in zwei Leseblöcken dargeboten. Statt eines Programmheftes fanden die Besucher ein Faltblatt mit einem "Glossar" typisch wienerischer Begriffe vor wie "Pallawatsch" (Wirrwarr), "Spompanadeln" (Wichtigtuereien) oder "Gustomenscherl" (hübsche Mädchen). Den diffizilen Dialog-Part "Der Nörgler und der Optimist im Gespräch" bewältigten Ulrich Wabra und Wolfgang Süß in beeindruckender Manier, während in den Volksszenen Karl Stumpfi (u.a. als Zeitungsausrufer, Hofrat oder K.u.K-General) sowie Wolfgang Huber (u. a. als Patriot, Berliner Schieber oder Kaiser Wilhelm II.) mit Wiener Dialekt oder preußischem Zungenschlag zuweilen auch für Gelächter in den Zuhörerreihen sorgten.

Wenn Sterben kalt lässt

Eher beklemmend dann die Schlussszene, wenn der "Nörgler" (als Sprachrohr des Autors) einen an Goethes Faust II angelehnten, ätzenden Nachruf auf den "letzten Wiener" hält - ein Betrunkener, der mitten auf der Straße seine Notdurft verrichtet: "Das Sterben geht ihn einen Schmarren an, sein innerstes Bedürfnis muss er stillen. Es bleibt die Spur von seinen Erdentagen und dies ist der Weisheit letzter Schluss . . .". Die Lesepassagen wurden durch Liedvorträge von Jürgen Zach sowie Musikeinblendungen aus Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 5 ergänzt.

In einem Nachwort bedankte sich Pfarrer Wagner bei allen Mitwirkenden mit dem Initiator Karl Stumpfi an der Spitze. Es freue ihn besonders, dass das Neunburger Orgelbauprojekt mit ins Boot genommen worden sei, Mitglieder des Orgelbauvereins bewirteten auch die Gäste. Über eine Fortsetzung des Karl-Kraus-Lesetheaters wird in den Reihen des Kunstvereins bereits nachgedacht.
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