Zum Ende der Welt und zurück

In Santiago de Compostela traf Alfred Zwicknagel (rechts) mit einem ehemaligen Fremdenlegionär zusammen, der seit drei Jahren auf der Straße lebt. Als ihm der Seebarner spontan 10 Euro stiftete, revanchierte sich der Mann sofort und lud den Spender auf einen Kaffee ein. Bilder: privat (2)
Lokales
Neunburg vorm Wald
11.07.2015
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Auf zwei Rädern fuhr er zum Nordkap, umrundete Deutschland, durchquerte die Alpen. Stets sind Alfred Zwicknagel und seine Yamaha gut nach Hause gekommen. Für den 61-Jährigen genug Anlass zu einer Motorrad-Wallfahrt nach Lourdes, Santiago de Compostela und Fatima - bis zum Ende der Welt.

Bereits 30 Jahre ist der Mann aus dem Neunburger Ortsteil Seebarn schon Biker, die Begeisterung für große Touren hat ihn seit etwa zwei Jahrzehnten gepackt. Die Freiheit spüren, andere Länder, Leute und Kulturen kennenzulernen - das mache für ihn die Faszination aus, verrät Alfred Zwicknagel im NT-Gespräch. Er schätzt, dass er mittlerweile knapp 300 000 Kilometer zurückgelegt hat, seine aktuelle Maschine, eine Yamaha Virago 1100, hat 155 000 Kilometer auf dem Tacho.

Beschützer im Rucksack

Bisher hatte der 61-Jährige unterwegs weder eine Panne noch einen Unfall. "Dabei gab es immer wieder einmal brenzlige Situationen zu überstehen", erzählt Zwicknagel und denkt, dass ihm dabei nicht nur sein fahrerisches Können geholfen hat, sondern auch sein Wegbegleiter aus Ton: Einen kleinen Schutzengel hat er nämlich immer im Rucksack mit dabei. "Ich glaub' schon, dass der mir zur Seite steht" - auch wenn die Nase des Engels mittlerweile etwas abgeschunden ist.

Dass der gelernte Mauerer von seinen Ausfahrten immer wieder gesund zu seiner Frau und den beiden Kindern zurückgekehrt ist, gab den Ausschlag für die jüngste große Fahrt: "Es war mir einfach ein Bedürfnis, Danke zu sagen" beschreibt Zwicknagel den Grund für seine Pilgertour, die ihn nach Südwesteuropa zu drei der berühmtesten Wallfahrtsorte der katholischen Kirche führte. Insgesamt zwölf Tage dauerte die Tour durch Deutschland, Frankreich, Spanien und Portugal, über 6500 Kilometer Wegstrecke legten Mann und Motorrad zurück.

Von Seebarn aus war Zwicknagel am 26. Mai losgefahren, am dritten Tag erreichte er den französischen Marienwallfahrtsort Lourdes. Dort zündete er eine Kerze an und brachte im Gebet seine Anliegen vor. Bei der Weiterfahrt in Richtung Santiago de Compostela entpuppte sich der Straßenabschnitt durch die Pyrenäen als echte Biker-Route - "eine tolle, kurvige Strecke, echt traumhaft zu fahren", erinnert sich Zwicknagel.

In Spanien dann der Spurwechsel von der Landstraße auf die Autobahn: "Da herrscht soviel Verkehr, das war teilweise schon kriminell." Dagegen war auf der Fernstraße fast nichts los - wegen der Maut, die sich viele Spanier nicht leisten können, wie Zwicknagel erfuhr. Doch er habe für die Autobahngebühr gerne ins Portemonnaie gegriffen: "Bei einem Tempolimit von 120 Stundenkilometer kommst du schön voran."

Das "Riesen-Areal" vor der Kathedrale empfing Alfred Zwicknagel bei seiner Ankunft in Santiago de Compostela, weltberühmter Pilgerort und Zielpunkt des Jakobswegs. Weil die Kirche heillos überfüllt war - "da haben's die Leute nur schubweise reingelassen" - entschied sich der Seebarner für einen Abstecher zum 90 Kilometer entfernten Kap Finisterre. Der Name ist abgeleitet vom Lateinischen "Finis Terrae" (Ende der Welt), an dieser Steilküste markiert ein Kilometerstein mit der Angabe 0,0 das Ende des Jakobswegs. Der Seebarner, der sich unterwegs auf Englisch oder Deutsch verständigte, erzählt, dass viele Pilger hier ihre Wanderschuhe, verbrennen. Dafür sind sogar eigene Feuerstellen vorhanden.

Viele Begegnungen unterwegs sind Alfred Zwicknagel im Gedächtnis haften geblieben: So traf er beispielsweise zwei Frauen aus Zwickau, die ihre Wallfahrt auf dem Jakobsweg eigentlich zu dritt geplant hatten, doch ihre Freundin war vorher gestorben - "die sind den Weg jetzt quasi für sie mitgegangen". Und im Marienwallfahrtsort Fatima (Portugal) verriet ihm ein Hotel-Koch, der zehn Jahre in Deutschland gelebt hatte, dass in der 12 000-Einwohner-Stadt sonst eigentlich nichts los sei - die Pilgerströme konzentrieren sich stets um den Jahrestag der Marienerscheinungen im Mai/Juni - "darauf ist dann das ganze Leben abgestellt." Der Koch beschrieb ihm aber auch die prekäre Wirtschaftslage des Landes mit einer Jugendarbeitslosigkeit von knapp 40 Prozent.

Schon nächste Tour im Kopf

Über San Sebastian (Baskenland), das französische Mende und Müllheim (Schwarzwald) sowie Tettnang am Bodensee steuerte Alfred Zwicknagel zurück in Richtung Heimat. Am Abend des 6. Juni stellte er sein Motorrad wieder in Seebarn ab. "Es war ein tolles Erlebnis", steht für ihn fest, und er plant dabei schon die nächste Tour: Im nächsten Jahr soll es nach Estland und Litauen gehen. "Solange ich noch kann, fahre ich weiter", sagt der 61-Jährige.

Infos für interessierte Biker

Motorradfahrern, die auch einmal so eine Tour unternehmen wollen, gibt Alfred Zwicknagel unter 09672/1652 gerne Informationen und Auskünfte weiter. (Hintergrund)
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