Flüchtlinge aus Syrien stellen sich den Fragen von Schülern
„Krass die Augen geöffnet“

Schicksale statt Zahlen und Vorurteile: Nach der Begegnung mit den Flüchtlingen bekannten viele Schüler, dass der direkte Kontakt ihre Meinung verändert hat. Bilder: www.mike-media.com (3)
Vermischtes
Neunburg vorm Wald
15.04.2016
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Mohamed Khair Awad verteilt Süßigkeiten in einer Klasse der Martredwitzer Realschule und zeigt damit auch den Schülern, die nicht direkt am Interview teilnehmen konnten, sein Gesicht. Der 21-Jährige aus Damaskus besucht derzeit die Sprachenschule an der Uni Regensburg.

Ist es wirklich so schlimm in Syrien? Acht Flüchtlinge geben im Klassenzimmer Antwort auf die Fragen von Schülern. Eine Begegnung, bei der Vorurteile weichen - und Tränen fließen.

Neunburg/Marktredwitz. Der jüngste unter den acht Gästen ist Omar Jindiya aus Damaskus. Der Siebenjährige besucht eine Übergangsklasse in Neunburg, doch an diesem Tag ist er zusammen mit seinem Vater Interviewpartner an der Fichtelgebirgsrealschule in Marktredwitz. Die Initiative "Frieden stiften" hat ihn mit ebenfalls in Neunburg gestrandeten Leidensgenossen hierher geführt, um Auskunft zu geben über sein Schicksal - stellvertretend für Tausende anderer Flüchtlinge.

"Mein Papa hat mich immer getragen", erzählt der Siebenjährige auf die Frage zu seiner Flucht, jetzt vermisse er seine Mutter sehr. Andere Fragen sind kritischer. "Stimmt es, dass dir dein Handy vom Landratsamt geschenkt wurde?", will einer wissen. "Das ist nicht wahr", sagen Adel Waliagah und Abdulrahman Awad. Offen erzählen die Flüchtlinge, wie viel Geld ihnen der Staat pro Monat zugesteht, dass ihre Markenklamotten aus dem Neunburger Second-Hand-Laden "Emma" stammen und räumen mit dem Unsinn auf, dass die Männer kein Brot essen, das von Frauen berührt wurde ("In Syrien backen Frauen immer das Brot.").

Über 50 Fragen


Dass sie hier zu Wort kommen und mit Vorurteilen aufräumen können, verdanken sie der Initiative von "Emma"-Leiterin Elke Reinhart und Realschullehrer Michael Widtmann, der sich ebenfalls für Flüchtlinge engagiert. Weit über 50 Fragen haben sie bei dem Pilotprojekt in der Schule gesammelt und zunächst in mühsamer Kleinarbeit übersetzt. Jeweils drei Vertretern aus den neunten und zehnten Klassen standen die Gäste mit syrischen Wurzeln nun Rede und Antwort - und zwar nicht nur auf Papier, sondern live.

Tränen bei den Schülern


"Da sind plötzlich Tränen geflossen", schildert Initiatorin Elke Reinhart die Reaktionen der Schüler, die sie selbst überrascht haben. Die Begegnung mit den Menschen aus Fleisch und Blut habe einigen "krass die Augen geöffnet" - einfach weil sie erkannt haben, "dass das Menschen sind wie sie selbst". Mohamed Khair Awad beispielsweise, der als 18-Jähriger drei Monate im Gefängnis saß, nur weil er im Bus zur Uni ein Rebellen-Gebiet passierte. Oder Adel Waliagah, dessen jüngere Schwester vor den Augen der Familie im Auto von Heckenschützen erschossen wurde. Taysir Zeino erzählt von seinem 15-jährigen Neffen, der bei einem Bombenangriff getötet wurde, und davon, dass fast die ganze Familie seiner Frau gestorben ist.

Mit solchen Berichten aus erster Hand kehren die Projektschüler nach zwei Stunden zurück in ihre Klassen, um ihre Erfahrungen an die anderen Schüler weiterzugeben, die ebenfalls kurz einen Blick auf die Gäste werfen dürfen. "Es erfordert schließlich auch von den Flüchtlingen ganz schön viel Mut, vor so vielen Augen und Ohren ganz offen über Persönliches zu sprechen", meint Reinhart in Hinblick auf die nicht ganz so große Frage-Runde. "Ich hätte nie geglaubt, dass das so gut funktioniert", berichtet sie. " Viele haben sich auch geschämt für das, was sie vorher in den sozialen Netzwerken mit einem ,Like' bedacht haben."

"Wir alle sind verunsichert", weiß Reinhart, der durch ihr Engagement für den Neunburger Kleiderladen "Emma" so manche ganz falsche Vorstellung über die Flüchtlinge zu Ohren gekommen ist. Von ihr wollten dann die Interviewten nach dem Termin in Marktredwitz wissen, warum sie sich für die Sache der Fremden stark macht. Die Antwort der 42-jährigen selbstständigen Grafikerin war kurz und knapp und in dieser Form auch für die noch nicht so Sprachkundigen verständlich: "Weil ich nicht will, dass unsere Jugendlichen Nazis werden."

Jeder von uns hat von der ersten Sekunde an begriffen, wie unendlich kostbar es ist, dass wir in Frieden leben.Lehrerin Martina Hecht


Es war sehr interessant, da die Vorurteile geklärt wurden. Zum Beispiel war mir nie klar, dass die Flüchtlinge ihre Handys genauso bezahlen müssen wie wir auch.Schüler Jeremy Wedlich


Auszüge aus den InterviewsÜber Krieg und Flucht

Fras und Omar Jindiya: "Wir sind von Syrien nach Libanon mit dem Bus gefahren, dann per Boot von der Türkei nach Griechenland. Zu Fuß nach Mazedonien, Serbien und Ungarn, dann mit dem Auto nach Deutschland. Wir haben 2400 Euro für Schleuser bezahlt, insgesamt kostete die Flucht 10.000 Euro."

Adel Waliagah: "50 Prozent der Flüchtlinge kommt wegen falscher Hoffnungen. Sie hoffen, sie kriegen ein Haus, ein Auto, eine Frau. Ein Luxusleben. Niemand stellt das in den Herkunftsländern richtig."

Zum Leben in Deutschland

Mohamed Khair Awad: "Ein gutes politisches System. Hier gibt es Demokratie und Freiheit. Ich mag Deutschland."

Taysir Zeino: "Ich bin sehr glücklich. Für mich ist es zwar nicht einfach, die Sprache zu lernen, aber ich lerne sehr viel."

Über das Frauenbild

Taysir Zeino: "Ich sehe Frauen gleich an. Egal, ob deutsche oder syrische Frau. Gegenseitiger Respekt ist wichtig."

Fras Jindiya: "Ich gehe gut mit Frauen um. Zu Hause ist meine Frau der Chef." (mp)


Man kann die ganze Familie nicht mitnehmen, weil die Reise zu gefährlich ist. Bei meiner Ankunft in Deutschland musste ich direkt ins Krankenhaus, weil ich körperlich am Ende war. Der zweite Grund: Es ist zu teuer für alle.Taysir Zeino auf die Frage, warum viele Männer ohne Familie flüchten


"Frieden stiften""Frieden stiften" heißt die Initiative, die Elke Reinhart aus Schwarzhofen zusammen mit Realschullehrer Michael Widtmann (Neunburg) unter dem Schirm des Rotary-Clubs ins Leben gerufen hat. Das Ziel der ehrenamtlichen Initiative ist es, Vorurteile abzubauen, die vor allem in den sozialen Netzwerken kursieren. Weitere Projekte mit Schulen sind in Planung.

Kontakt

Wer sich für das Projekt interessiert oder sich in der Initiative engagieren möchte, kann sich melden unter privat@elke-reinhart.de (bl)


Weitere Informationen im Internet: www.onetz.de/themen/flüchtlinge
11 Kommentare
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Dieter Schmid aus Erbendorf | 15.04.2016 | 16:41  
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Ma Jen aus Mähring | 16.04.2016 | 00:46  
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Ali Zant aus Weiden in der Oberpfalz | 16.04.2016 | 10:53  
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Ma Jen aus Mähring | 16.04.2016 | 13:29  
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Ali Zant aus Weiden in der Oberpfalz | 16.04.2016 | 16:15  
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Ma Jen aus Mähring | 17.04.2016 | 00:26  
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Ali Zant aus Weiden in der Oberpfalz | 18.04.2016 | 15:07  
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Ali Zant aus Weiden in der Oberpfalz | 19.04.2016 | 14:57  
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Ali Zant aus Weiden in der Oberpfalz | 20.04.2016 | 09:46  
Redaktion Onetz aus Weiden in der Oberpfalz | 21.04.2016 | 12:19  
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Ali Zant aus Weiden in der Oberpfalz | 21.04.2016 | 12:26  
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