Wächter über Licht und Wärme
Netzleitstelle Neunburg hat 155000 Kilometer langes Stromnetz im Blick

15 Minuten für die Übergabe: Mit einem Becher Kaffee und einem Pausenbrot in der Tasche tritt Florian Muckof aus Floß (rechts) die Nachtschicht an und lässt sich von Dominik Schmidmair (links) über Brennpunkte aufklären.
Vermischtes
Neunburg vorm Wald
26.03.2016
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Ein Schreibtisch wie ein Cockpit, eine digitale Landkarte, die Strom statt Straßen erfasst. Und drei Männer, die hier, in der Neunburger Netzleitstelle vor riesigen Bildschirmen sitzen und mit ein paar Klicks dafür sorgen, dass es nirgends dunkel und kalt sein muss.

Scheinbar verlassen liegt der Gebäudekomplex des Bayernwerks mitten im Wald. Zum Schichtwechsel um 21 Uhr sind die Büros der Verwaltung längst verwaist. Wie eine Insel inmitten einer schlafenden Stadt wirkt der große Raum, in dem drei Fachkräfte für Energie-Elektronik über ein 50 000-Kilometer-Stromnetz (Mittelspannung) und 48 000 Ortsnetz-Stationen wachen. 70 Prozent der Fläche Bayerns haben sie damit im Blick, samt der 5700 Kilometer Erdgasleitungen.

Bagger oder Orkan


An diesem Abend ist alles Routine. Geplante Schaltungen sind für die nächsten Tage zu prüfen und zu genehmigen, für die tagsüber keine Zeit war. Problem-Punkte sind im Blick zu behalten. Manchmal ist es ein Ast, der auf einem von drei Drähten der Freiluftleitung landet. "Davon merkt der Kunde dann gar nichts", erklärt der Leiter der Netzsteuerung, Wolfgang Tauber. "Wenn ein Bagger ein ganzes Kabel zerstört, sieht das schon anders aus." Ein Glück für das Team der Nachtschicht, dass diese potenziellen Störfaktoren nachts normalerweise ruhen.

Doch es gibt auch Faktoren, die sich nicht an die Nachtruhe halten, Gewitter beispielsweise oder Stürme. Den Namen "Niklas" hat hier keiner in guter Erinnerung. Denn so hieß der Orkan, der vor ziemlich genau einem Jahr mit Geschwindigkeiten von bis zu 192 Stundenkilometern über Deutschland hinwegfegte. Da ging bei rund 155 000 Kilometern mit Mittel- und Niederspannung nicht nur eine Stromleitung in die Knie.

"Schwerpunkt war damals Oberbayern", erinnert sich Tauber. "200 Stationen im ganzen Bayernwerks-Gebiet waren damals spannungslos." Immerhin nicht so schlimm wie 2008 bei Sturm "Emma", wo es 5000 Stationen traf. Für solche Fälle bekommt natürlich auch die Nachtschicht Verstärkung. "Inzwischen haben wir aber auch viel ins Netz investiert und weniger Freileitungen", erklärt der Ingenieur: "Vieles läuft ferngesteuert." Doch ein Risiko bleibt: "Wenn ein Trafo ausfällt, können wir auf einen Reserve-Trafo umschalten. Aber wenn ein Baum umfällt, das heilt sich nicht von selber."

Drei Telefonsysteme


Dann sind die drei Mann in der Zentrale auf rund 70 Service-Techniker angewiesen, die draußen unterwegs sind. Ganz wichtig ist deshalb das Telefon mit dem großen Touchscreen. Dahinter lagert das Notfalltelefon. "Und dann gibt es auch noch das Satellitentelefon, falls gar nichts mehr funktioniert", deutet Tauber auf die letzte Alternative.

Auch Daniel Kunert hat als Servicetechniker im Außendienst des Bayernwerks angefangen. Vor drei Jahren ist er in die Netzleitstelle gewechselt. Wie kommt er mit so viel Verantwortung klar? "Für mich ist das ein gutes Gefühl, wenn ich diesen wichtigen Job gewissenhaft mache", sagt der 27-Jährige und löst den Blick nur kurz von den drei großen Monitoren an seinem Schreibtisch. Klar spürt auch er die Umstellung auf die Nachtschicht. "Die älteren Kollegen sagen, das wird immer anstrengender", erzählt er. Was auch immer die Nacht bringen wird, eine Runde Schlaf ist nicht drin, Pausen richten sich nach dem Arbeitsprozess, und die Devise ist immer die gleiche: "Ruhig bleiben, die Meldung anschauen und versorgen, was geht."

Zwei Schreibtische weiter ist inzwischen Florian Muckof aus Floß eingetroffen. Mit einem Becher Kaffee in der Hand bringt er sich beim Übergabegespräch mit Schmidmair noch auf den neusten Stand. "Das Gute an der Nachtschicht hier ist, dass man nicht ganz allein ist, da kann man auch mal eine zweite Meinung einholen", berichten die beiden Fachleute. Sie kennen Kollegen, die früher in der Leitstelle in Schwandorf mit nächtlichen Störungen ganz auf sich gestellt waren. Das wünscht sich heute keiner mehr. (Hintergrund)
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