Internationaler Flair in Neusorg

1909 brannte das Holzbau-Wohnhaus "Russland" komplett nieder und wurde aus Stein (im Bild) wieder aufgebaut.
Lokales
Neusorg
11.09.2015
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Aus der Türkei nach Russland in zwei Minuten mit dem Auto oder in 15 Minuten zu Fuß. Geht nicht? In Neusorg schon.

Das kleine Dorf im Landkreis Tirschenreuth beheimatet zwei "Ortsteile", die wie das süd- bzw. osteuropäische Land heißen. Woher die Bezeichnungen kommen, ist bis heute nicht ganz geklärt. Dafür ranken sich zahlreiche Anekdoten und Erzählungen um die kuriose Bezeichnung für simple Gebäudekomplexe. Um 1890 entstand das Wohnheim im Neusorger Osten, das bis heute den Namen "Russland" trägt.

"Das war ein Holzhaus einfachster Bauweise", sagt Rainer Schmidt, Heimatforscher und Chronist des Fichtelgebirgsvereins. Dort lebten unter anderem Arbeiter des benachbarten Steinmetzbetriebes Grasyma. "Und da Steinhauer einen mitunter etwas rabiateren Lebensstil an den Tag legten, sagte man sich früher ,da geht es zu wie bei den Russen'", steuert Bürgermeister Peter König eine mögliche Erklärung der Namensgebung bei, die jedoch ebenso wenig historisch belegt ist, wie eine weitere Geschichte Schmidts: "Russen bezeichnete damals eine Ungeziefer-Art im Wald.

Da im Holzbau-Russland-Haus sehr viele Menschen auf engstem Haus zusammenlebten, könnte sich diese Ungeziefer dort eingenistet haben." 1909 brannte "Russland" komplett nieder. Der erste historisch belegte Großeinsatz für die 1900 gegründete Neusorger Feuerwehr. Das Wohnheim wurde anschließend aus massiven Steinen wieder aufgebaut. Heute leben Familien mit Kindern in den auf modernstem Stand renovierten Wohnungen des Russland-Hauses, dessen Bezeichnung sich bis heute gehalten hat.

Mit dem Gebäudekomplex "Türkei", an der Straße nach Ebnath parallel zur Bahnstrecke gelegen, verhält es sich ähnlich. 1903 erbaut, wohnten darin vorwiegend Arbeiter der Möbelfabrik Kempf, die kurz nach dem Ersten Weltkrieg pleite ging. "Da dort, für ein Dorf unüblich, viele Leute auf engem Raum konzentriert zusammenlebten, erinnerte diese Lebensweise eben an eine türkische Großfamilie", versucht sich Rainer Schmidt an einer Erklärung.

Aber auch hier gibt es keine historisch belegbare Erläuterung. Die Frage, weshalb das kleine Dorf Neusorg zwei Arbeitersiedlungen beheimatete, findet sich möglicherweise in der Chronik der Feuerwehr Neusorg: "Neusorg besaß schon um die Jahrhundertwende eine Möbelfabrik, ein Sägewerk, ein Kalkwerk mit Ziegelei und einen Steinmetzbetrieb." Und die Arbeiter wussten Wohnungen in direkter Nähe zum Arbeitsplatz schon damals zu schätzen. Ein auch in der Gegenwart geschätzter Umstand. Kurios bleibt die Namensgebung dennoch.
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