Mit Jeans ins Restaurant

Für Lyubov Wimpissinger ist Neusorg ihre Heimat geworden. Besonders das Spazieren im Steinwald genießt sie, auf den sie von ihrem Balkon aus blicken kann. Bild: juh
Lokales
Neusorg
16.10.2015
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Die "effektive deutsche Bürokratie" - was für Deutsche wohl nur schwer nachzuvollziehen sein wird, schätzt die 34-Jährige Lyubov Wimpissinger an ihrer neuen Heimat besonders. In Neusorg fand die gebürtige Ukrainerin ein Gefühl von Sicherheit, Vertrautheit und Geborgenheit - vor allem die Gewissheit, ein Teil der Gemeinschaft zu sein.

Der Grund, der die damals 24-Jährige nach Deutschland lockte, war ein romantischer. "Eine Verwandte ist mit einem Deutsch-Russen verheiratet. Mein jetziger Mann war mit dem Paar befreundet", erzählt Wimpissinger. Bei einem Besuch habe er ein Foto von ihr entdeckt. "Er fragte meine Verwandte, ob ich in festen Händen sei. Als sie das verneinte, wollte er meine Nummer haben". Etlichen Telefonaten folgten Besuche in der Ukraine.

"2005 machte er mir einen Heiratsantrag. Dann musste ich mich entscheiden: In der Ukraine bleiben, oder nach Deutschland gehen. Ich war mir sicher, dass er der Richtige ist. Deshalb entschied ich mich für Deutschland. Natürlich war es ungewiss, aber wer nichts riskiert, der erreicht nichts." Leicht fiel Wimpissinger die Entscheidung nicht - vor allem der Abschied von der Mutter. Auch beruflich war sie erfolgreich. "Nach dem Studium arbeitete ich bei der staatlichen Agentur für Arbeit als stellvertretende Leiterin im Arbeitsservice." Deutsch sprach die 34-Jährige kaum. "Ich habe am Gymnasium und an der Uni Deutsch als Zweitsprache gelernt, aber damit kam ich nicht weit. Vor allem war es schwer durch den Oberpfälzer Dialekt."

2005 heiratete das Paar. Verständigt haben sich Peter und Lyubov Wimpissinger anfangs auf Englisch. "Als ich hier ankam, war alles anders. Das fing schon beim Einkaufen an." In der Ukraine gebe es kleinere Geschäfte - Familienunternehmen - Supermärkte, waren der 34-Jährigen neu. Auch an die deutsche Mentalität musste sie sich erst gewöhnen. "Das fing bei banalen Dingen wie der Körpersprache an. Ich habe Situationen beobachtet und so gelernt, wie man sich verhält, was man darf, und was nicht. Auch der Umgang mit älteren Menschen war mir neu." Sie zu duzen und "locker" mit ihnen umzugehen - das kannte Wimpissinger nicht. "In der Ukraine habe ich zu meiner Oma 'Sie' gesagt. Plötzlich 'Du' zu sagen - das kostete Überwindung."

Kulturelle Unterschiede

Auch der erste Restaurantbesuch war ungewöhnlich. In der Ukraine sei es normal, im Abendkleid und Anzug essen zu gehen. "Aber hier kann man mit Jeans gehen, alles ist locker, das gefällt mir sehr." Die ersten Wochen nach dem Umzug war Wimpissinger zu Hause. "Ohne Sprache ist man verloren. Ich konnte mich nicht ausdrücken. Ich wollte dazugehören, verstehen, was die Menschen sagen." Deshalb meldete sie sich für einen Deutschkurs am Beruflichen Förderzentrum in Marktredwitz an, den sie auf drei Monate verkürzte und mit Note eins abschloss.

"Am schwersten war die Grammatik. Deshalb habe ich Kinderbücher von der Tochter meines Mannes gelesen, um mein Deutsch zu verbessern. Ich wollte das unbedingt. Sprache ist wichtig - die Basis, damit Integration funktionieren kann." Von Anfang an war für Wimpissinger klar, dass sie die Menschen in dem Land, in dem sie Leben möchte, verstehen und mit ihnen kommunizieren will.

2006 begann sie eine Ausbildung zur Bürokauffrau. Auch die konnte sie vorzeitig abschließen. Das deutsche Ausbildungssystem beeindruckte sie. "In der Ukraine gibt es dieses duale System - Praxis und Theorie - nicht." An Deutschland, insbesondere der Oberpfalz und Neusorg, gefalle ihr Sauberkeit, Zuverlässigkeit und die Einstellung zur Arbeit. "Dadurch entwickelt man selbst ein anderes Pflichtbewusstsein. In Deutschland ist alles etwas strenger, man muss sich an Fristen halten." Auch die Lebensqualität schätzt sie an ihrer neuen Heimat - dazu gehöre auch die Bürokratie, deren Strukturen im Vergleich zur Ukraine bedeutend effektiver und somit schneller wären.

Wimpissinger findet aber auch Gemeinsamkeiten mit ihrer alten Heimat: "Es ist schön, dass auch hier Tradition gelebt wird, ähnlich wie in der Ukraine. Ich finde den Dialekt toll und die Tatsache, dass Religiosität gelebt wird." Besonders schätzt sie, dass man durch Arbeit, Wissen und Kenntnisse viel erreichen kann, vor allem in beruflicher Hinsicht. Doch ihr Geburtsland Ukraine ist nicht vergessen. "Ich komme aus den Karpaten. Die Natur ist wunderschön, die Menschen freundlich, Musik spielt eine große Rolle. Mein Zuhause in der Ukraine werde ich natürlich nie vergessen."

Glück kommt nicht von selbst

Seit vier Jahren war sie nicht mehr dort. "Wir haben eine dreijährige Tochter - Magdalena. Für sie wäre die Reise einfach zu anstrengend. Dafür besucht uns meine Mutter öfter." Lyubov Wimpissinger ist glücklich mit ihrem Leben. Allerdings kam dieses Glück nicht von selbst. Es sei wichtig, selbst dazu beizutragen, dass es einem im "fremden Land" gefalle. "Zwar sollte man immer man selbst bleiben. Dennoch ist Integration extrem wichtig. In jedem Land muss man arbeiten und kämpfen, um etwas zu erreichen. Von nichts kommt nichts."

Selbst Initiative ergreifen

Aus diesem Grund trat Wimpissinger 2006 dem Kirchenchor bei, um sich in die Gemeinschaft einzubringen. Beim Volksentscheid "Rauchverbot" habe sie die Abstimmung mitorganisiert. "Mit meiner Tochter besuchte ich eine Krabbelgruppe, so kam ich in Kontakt mit anderen Müttern. Durch all diese Dinge wurde Neusorg zur Heimat für mich." Doch nicht nur Neusorg, ganz Bayern begeistert die 34-Jährige. "Wir waren in München, Neuschwanstein, dem Chiemsee und Bamberg. Um Urlaub zu machen, müssen wir nicht weit fahren. Der Bayerische Wald bietet alles, was man braucht." Am liebsten spaziert sie durch den Steinwald und genießt die Natur und die Ruhe.

Lyubov Wimpissinger ist sich sicher, in Deutschland und Neusorg Heimat gefunden zu haben. Das erste mal sei ihr das bewusst geworden, als sie mit ihrem Mann die Ukraine besuchte und sie nach zwei Wochen sagte: "Peter, es wird Zeit, ich möchte wieder nach Hause." "Ab dem Moment, an dem man auf Deutsch träumt und nicht mehr daran denkt, zurückzugehen, sein Leben in Deutschland nicht in Frage stellt - dann weiß man, dass man die richtige Entscheidung getroffen hat."
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