Operation "Nachfolger gesucht"

Würden alle die Liebe zu Neusorg und der Natur teilen, stünden die Bewerber Schlange. Doch in der Realität suchen Dr. Bollig und die Gemeinde händeringend nach einem Nachfolger. Bild: hkö
Lokales
Neusorg
04.12.2015
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Die Kamera schwenkt durch eine moderne Gemeinschaftspraxis. Dr. Rolf Bollig öffnet schwungvoll die Türen und schwärmt von der Natur um Neusorg. Mit einem Internetfilm will der Arzt einen Nachfolger finden. Die intensive Suche danach führt er auf fast verzweifelte Weise mit der Gemeinde.

Seit Ende letzten Jahres sucht der Mediziner einen Kollegen für seine landärztliche Gemeinschaftspraxis mit Schwerpunkt Psychotherapie. Kollege Dr. Engelhard Happel geht im März in den Ruhestand. Auf dem klassischen Weg über die Kassenärztliche Vereinigung hat er es schon probiert. Doch da kam nichts. Mithilfe eines Freundes produzierte er ein Werbevideo, mitfinanziert von der Gemeinde. Fast 2000 Aufrufe zeigt der Internetkanal Youtube an. Rückmeldungen: "Leider gar nichts", bedauert Bollig.

Ärzte überaltert

Der Arzt ist sich darüber bewusst, dass sich die vergebliche Suche in einen traurigen bundesweiten Trend einfügt. Trotz nach wie vor steigender Zahlen haben vor allem im ländlichen Raum Ärzte Schwierigkeiten, einen Nachfolger für ihre Praxis zu finden, meldet das Bundesgesundheitsministerium. "Die Situation der Landärzte ist salopp gesagt beschissen", spricht der Arzt Klartext. Die Ärzte seien überaltert und es kommen keine neuen nach. Diesem Trend setzt Bollig die Vorteile einer Gemeinschaftspraxis entgegen. So könne die Arbeitszeit sehr familienfreundlich gestaltet werden.

Der gebürtige Großstädter kam vor 27 Jahren nach Neusorg. In Frankfurt am Main aufgewachsen, hatte er dort studiert. In einer Klink in Hessen reifte mit Kollege Happel die Idee, eine Praxis zu eröffnen. Drei Orte in Deutschland hätte sich das Duo angesehen: Köln, Freiburg und Neusorg. Warum er die gemütliche Oberpfälzer Gemeinde an der ehemaligen innerdeutschen Grenze den quirligen Großstädten vorgezogen hat? "Die Natur und die Umgebung", schwärmt Bollig. Dass junge Leute nicht aufs Land ziehen wollen, könne er nicht verstehen. "Ich bereue meine Entscheidung keinen Tag. Es ist eine wunderbare Gegend hier."

Keine Interessenten

Auch Bürgermeister Peter König beteiligt sich händeringend an der Nachfolgersuche. Seit zwei Jahren sei er in Kontakt mit der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern, dem Bayrischen Landesamt für Gesundheit und dem bayerischen Hausärzteverband. Doch auch hier, Fehlanzeige: "Nichts, keine einzige Antwort in zwei Jahren. Nicht einmal ein Interessent, der sich nur mal unverbindlich informieren will", gibt König zu.

Auch der Kassenärztliche Verband Bayern kann da nicht viel machen. Die Problematik des Schwundes an Dorfärzten sei bayern- und bundesweit bekannt, bekennt Fachreferent Michael Stahn. Das Versorgungsgebiet sei trotzdem mit Hausärzten überversorgt. Das Problem: Auch hier zentrieren sich die Ärzte in größeren Gemeinden wie Marktredwitz und Wunsiedel. Der Experte hat da keine Geheimtipps, was die Nachfolgersuche anbelangt. Man könne nur hoffen. So ein Video sei schon außerordentlich, so Stahn. "Mehr können sie nicht machen."

Die Bundespolitik unterstützt Medizinische Versorgungszentren (MVZ), die viele Fachärzte unter einem Dach bündeln sollen. Die nächsten sind in Kemnath und Marktredwitz. Doch überzeugt ist Arzt Bollig von der Idee nicht. "Was nützt es einem alten Menschen hier, wenn 30 Kilometer entfernt so ein Versorgungszentrum steht?" Auch Bürgermeister König plädiert für den seniorenfreundlichen klassischen Hausarzt im Ort. Das neue Senioren-Servicehaus unterstützt die Idee.

Mehr als genug Patienten

Bollig bleibt nichts anderes übrig als seine Suche weiter publik zu machen. Neben dem Facharzt sei auch ein freier Kassensitz für eine Kinder- und Jugendpsychotherapeutin zu vergeben. Einen sicheren Arbeitsplatz hätten die Bewerber auf jeden Fall. Mit dem Einzugsgebiet aus Neusorg, Pullenreuth, Ebnath und Brand sei die Patientenlage "deutlich gut", bemerkt der Arzt. Neben ihm gibt es in der Verwaltungsgemeinschaft an Allgemeinärzten nur noch Dr. Karl Lang in Neusorg und Dr. Jochen Geißler aus Ebnath. Höre einer der beiden auf, werde es eng, prognostiziert Bollig.

Kämpfen bis zum Schluss

Auch der Rathauschef kann nur weiter Klinken putzen. Weiterhin werde er in den zuständigen Gremien in den Verbänden und Landesstellen präsent sein. "So merken sie, dass wir es wirklich ernst meinen." Denn es sei wichtig, in der Suche zusammenzuarbeiten. "Ich werde bis zur letzten Patrone kämpfen", beschwört König. "Man kann die Leute ja nicht zwingen zu kommen", stellt er fest. Trotz der zusätzlichen Belastung, wenn Kollege Happel im März aufhört, ist Bollig guter Dinge. "Mir macht der Beruf sehr viel Spaß." Ans Aufhören denkt der 67-Jährige noch nicht. Er will durchhalten, bis zum Ende. Sprichwörtlich. "Wahrscheinlich trifft mich hier in der Praxis der Herzschlag." Bis es soweit kommt, hat die Praxis hoffentlich einen Nachfolger.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.youtube.com; Suchwort: Bollig, Neusorg
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