So viel kostet uns ein Flüchtling

Sie würden gerne bleiben: (von links) Shaban mit Sohn Mustafa und Frau Melat, Abdiaziz, Rasan, Samanta, Amir mit Bürgermeister Peter König und der "guten Seele" der Unterkunft, Amalia Steinmark. Bild: Herda
Wirtschaft
Neusorg
23.02.2015
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Eine Kosten-Nutzen-Rechnung für Flüchtlinge: Wie zynisch ist das denn? Aber wenn die Angstbürger der Republik schon gegenüber Bürgerkriegsschicksalen gleichgültig sind, vielleicht entlasten dann nackte Zahlen ihr Wohlstandsgemüt.

Für Nisama Hazanovic ist Neusorg (Kreis Tirschenreuth) wie das Paradies: "Ich gehe hier nicht mehr weg", sagt die Roma aus Bosnien-Herzegowina. Sie hat einen Krieg und die Gräuel "ethnischer Säuberungen" durchlitten. Vergangenes Jahr wurde ihr Haus durch ein Hochwasser zerstört. Seit sie vor neun Monaten nach Neusorg kam, wurde sie bereits zweimal operiert: "Gebärmutterhalskrebs". Und sie kämpft darum, dass ihr Mann, der von ihr und den beiden Kindern getrennt in Düren untergebracht ist, zu ihr nach Neusorg darf. "Ich gehe nicht mehr nach Bosnien", weint sie, "und wenn, dann nur tot".

Ein normales Leben

Die verzweifelte Mutter steht stellvertretend für Menschen, die in der deutschen Asyldebatte als "Wirtschaftsflüchtlinge" stigmatisiert werden - weil sie für sich und vor allem ihre Kinder ein normales Leben beansprucht. "Dieser Begriff ist verheerend", findet Horst Rottmann, Forschungsprofessor am Ifo Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München und Lehrstuhlinhaber für Volkswirtschaft an der OTH Amberg-Weiden. "Wir wollen doch gerade, dass Leute zu uns kommen, weil sie bei uns bessere Arbeitsmarktchancen sehen - für den deutschen Staat ist es gut, wenn sie diese Motivation zu uns mitbringen."

Nisama Hazanovic erhielt Ende letzten Jahres einen Abschiebebescheid. Die Panik in der Familie war groß, Amir und Samanta gingen bereits in die Schule, sie sprechen gut Deutsch. Ihre Integrationsprognose sei gut, heißt es im Amtsdeutsch. Der Einsatz des Neusorger Bürgermeisters, Peter König (SPD), führt erst mal zur Aussetzung der Abschiebung.

Es gäbe gute Gründe, die Roma-Familie auch aus humanitären Gründen in Deutschland zu dulden. Aus Sicht von Wirtschaftsvertretern aber genau so gute ökonomische Argumente, Kindern wie Amir und Samanta den Weg in unsere Gesellschaft zu ebnen: "Deutschland ist auf Migration angewiesen", sagt Rottmann. "Wir haben heute 80 Millionen Einwohner - bis 2050 hätten wir ohne Migration unter 65 Millionen."

Deutschland schrumpft also, um immerhin 15 Millionen Menschen. Aufgrund der demografischen Entwicklung außerdem bei ungünstiger Alterszusammensetzung. "Damit in Deutschland im Jahr 2050 ungefähr 80 Millionen Menschen leben, bei einer im Vergleich zu heute aber immer noch älteren Bevölkerungsstruktur, benötigen wir eine Migration von 300 000 Zuwanderern netto." Diese Zahl habe man aber lediglich die vergangenen zwei Jahre erreicht, zuvor deutlich unterschritten. "Im Saldo lagen wir oft sogar bei Null", sagt der Professor.

Deutschland profitiert

Dazu kommt dem Einwanderungsland wider Willen ein weiterer Trend zugute: Ungefähr 40 Prozent der Migranten seit 2010 könne man als hochqualifiziert einstufen. Die extrem hohen Hürden an den EU-Außengrenzen lässt nur noch wenigen, meist gut ausgebildeten, wohlhabenden Flüchtlingen eine Chance, die oft fünfstelligen Beträge für Schleuser zu bezahlen.

Nach einer Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung von 2013 im Auftrag der Bertelsmann Stiftung bringen Einwanderer dem deutschen Staat mehr Geld als sie kosten. Nämlich genau 3000 Euro pro Jahr und Mensch. "Sie entlasten unsere sozialen Netze somit jährlich um 22 Milliarden Euro. Diese Rechnung geht auch dann noch auf, wenn die Immigranten älter werden und mehr Sozialtranfers bekommen. Die "Generationenbilanz" besagt, dass die 2012 hier arbeitenden Ausländer im Laufe ihres Lebens 147,9 Milliarden Euro mehr einzahlen als erhalten.

Amir und seine kleine Schwester Samanta finden sich in Deutschland prima zurecht. Der Junge würde gerne ein Handwerk erlernen, das Mädchen möchte studieren und vielleicht "Lehrerin werden". Die Abschiebung nach Bosnien erscheint der krebskranken Mutter aufgrund fehlender, medizinischer Ausstattung wie ein Todesurteil: "Ich weiß nicht, was aus meinen Kindern dort werden soll", klagt sie. Sie wären Waisen in einem extrem Roma-feindlichen Umfeld.
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