Kirchweih in Neustadt am Kulm
Stadtleben besungen

Die Kirchweihmadla und -burschen hatten beim Besingen von lustigen und ernsten Stadtbegebenheiten ihren Spaß, zumal sie ungestraft so manchen "hohen Herrn" auch auf die Schippe nehmen durften.
Freizeit
Neustadt am Kulm
08.11.2016
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Aus dem mit Bier gefüllten "Sprenger" des Oberkirchweihburschen Tobias Malik und Oberkirchweihmädchens Marion Klausfelder durfte traditionell Bürgermeister Wolfgang Haberberger einen Schluck nehmen. Bilder: ww (2)

Fünf Tage lang feiern die Neustädter ihre Kirchweih ausgiebig. Nicht überraschend: Einer der Höhepunkte ist der Umzug der Kirchweihmadla und -boum mit Blasmusikbegleitung am Sonntagnachmittag. Dort singen sie über lustige und ernste Stadtangelegenheiten.

Nicht fehlen durfte beim Umzug das Bierfass auf einem Leiterwagen, den der "Kirwanachwuchs" Jenna Dollhopf und Janik Buttler zogen. Unterwegs nahm so mancher Kirchweihbesucher aus den geschmückten Masskrügen der Kirchweihbuschen oder aus dem mit Bier gefüllten "Sprenger" des Oberkirchweihburschen Tobias Malik, begleitet von Oberkirchweihmädchen Marion Klausfelder, einen großen Schluck.

Halt machte der Zug am Rathaus, wo Bürgermeister Wolfgang Haberberger die "Kirwaleit" erwartete. Auch er durfte seinen Durst löschen. Weiter ging es zum Kirchweihbaum, wo rund 200 Gäste die Burschen erwarteten. Die Jugendlichen hielten beim Singen unterm Kirchweihbaum, was sie vorab versprochen hatten: Verschont wurde niemand. Auch sich selbst nahmen sie auf die Schippe.

Gaudi-Turnier


Zunächst gab es Lob für die Kirche: "Viele Leit in der Kirche sind old und in der Kirche is es meistens kold. Dass die Leit nimmer friert, hat die Kirche eine neue Heizung spendiert." Kein Auge blieb trocken, als die "Wirtschaftskrise" in Neustadt am Kulm besungen wurde. Gemeint war die Schließung alteingesessener Gastwirtschaften in den vergangenen Jahren sowie der Ruhetag der verbliebenen drei Wirtschaften - so bleibe keine Gelegenheit mehr zum Besuch. Lob gab es für den Fußballverein, weil der mit einem "Bubble-Ball-Turnier" für viel Gaudi gesorgt hatte.

Gelobt wurde auch der hiesige Doktor: "Willst in Neistodt zum Doktor geyh, hast a net weit und dös is schey. Zum Glück hat die Praxis Bestand, weil die Tochter dös nimmt in die Hand." Die Lacher auf ihrer Seite hatten die Burschen, als sie nicht ganz so erst gemeint zu diesem Thema weiter sangen: "Vo uns Neistedter Leit hout sie wirklich jeder gfreit, dass man immer nu wen houd, der an am Kirwamontag krankschreiben doud." Zwischendurch bekamen auch die Kirchweihmacher in Speichersdorf und aus dem Nachbarort Filchendorf ihr Fett weg. Ernster wurde es, als es um die Schließung von Faurecia in Trabitz und um die Gemeindepolitik ging. Viele der ehemaligen Faurecia-Mitarbeiter waren zur Firma Scherdel in Waldershof gewechselt. Die Burschen sangen: "A Auffanglager mou net immer a Flüchtlingsheim sein, weil da Scherdel in Waldershof stellt alle Leit vom Leistritz ein."

Stadtsanierung


Ein Thema war auch der Abriss des Gasthauses Goldener Löwe. Mit einem Seitenhieb auf den Denkmalschutz hieß es hier: "Wennst du dein Haus bloß anpinseln willst, pissens da glei ans Bein. Aber wenn das Gasthaus abgerissen wird, mischt sich keine Sau ein. Das Gasthaus ist weg, etzt hamma den Salat. A Garage steht etzt durt, ein riesen Apparat." Gelacht werden durfte zwischendurch, als die Kirchweihmacher den Vorsitzenden der Kirchweihreservisten, "Sir Duck" alias Daniel Heinlein, zum schönsten Junggesellen kürten.

Auch Bürgermeister Wolfgang Haberberger kam nicht ungeschoren davon: Er habe beim Almabtrieb auf eigene Faust ein ekelhaftes Bier bestellt und den Laster mit einem beliebten Bayreuther Bier wieder nach Hause geschickt. Weiter warf man ihm in Anspielung auf viele Fördertöpfe vor, dass er nicht wegschauen könne. Man befürchtete deshalb, dass er sogar ein gewisses "Etablissement" bauen ließe, wenn es dafür Fördertöpfe gäbe. Die Burschen kritisierten auch die Ausweisung von Bauplätzen in Mockersdorf.

Ein zentraler Punkt war natürlich die Stadtsanierung. Einen Seitenhieb gab es hier für die Stadträte. Die jungen Männer sangen, dass die Anlieger am Bürgerfest aus Protest gegen die Planung ihre Autos auf den Parkplätzen vor ihren Häusern längs gestellt hatten. Weiter ging es mit: "Vielleicht ist es ja bei den Stadtratssitzungen so, dass sich in den Sitzungen keiner etwas sagen traut. In der Zeitung und im Kulmboten werden der Bürgermeister und die Bürger auf einmal laut." Als Fazit sangen die Kirchweihburschen zu diesem Thema schließlich: "Die Bürger schießen gegen den Bürgermeister und der doud a Gegenreaktion bringa. So viel, wie wecher da Marktplatzsanierung passiert, so viel ko ma gor net singa."

Wenn auch nicht alle vorgetragenen "Schnadahüpferln" in zündende Reime verfasst waren, "Insider" wussten, wer gemeint war. Zudem gab es wieder eine Kirchweihzeitung, in der alle Gstanzln zu Hause in Ruhe nachgelesen werden konnten.
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