Archäologe Dr. Hans Losert berichtet über Grabungen auf dem Hausberg der Nordwestoberpfalz
Wall aus Stein und Holz

Über neuer Erkenntnisse der Kulm-Grabungen sprach Dr. Hans Losert in Neustadt am Kulm. Bild: bjp
Lokales
Neustadt am Kulm
09.06.2015
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Mittlerweile sind sie Tradition: Die Berichte von Archäologe Dr. Hans Losert für den Historischen Verein Oberfranken und dem Förderverein Rauher Kulm über die Grabungen auf dem Hausberg der Nordwestoberpfalz. Im Mittelpunkt standen neue Erkenntnisse über die letztjährige Grabungskampagne.

Bei der Grabungskampagne standen ein im 19. Jahrhundert als Steinbruch für Straßen- und Eisenbahnschotter genutzter Abschnitt der mittelalterlichen Befestigungen sowie ein Grabhügel am Sandberg im Mittelpunkt. Neue Erkenntnisse habe man insbesondere über die Beschaffenheit des karolingischen Kulmringwalls gewonnen, verriet der Bamberger Archäologe den rund zwei Dutzend Zuhörern im Gasthof Burucker.

Dieses Wehrbauwerk habe offenbar nicht nur aus einer steinernen, sondern zudem aus einer hölzernen Befestigung bestanden, wie Pfostengruben belegten. Einzelne steinzeitliche Silexwerkzeugfunde hätten bestätigt, dass das Kulmgebiet seit der Altsteinzeit Durchzugs- und Siedlungsraum für Menschen gewesen sei. Aus der Bronzezeit (etwa 2200 bis 1200 vor Christus) habe man im letzten Jahr nur einzelne Keramikfragmente und keine metallene Stücke geborgen. Die bei früheren Grabungen entdeckten Bronzegegenstände, legten aber den Schluss nahe, dass in dieser Ära Erz am Kulm verarbeitet worden sei, betont Losert. Die Kupfervorkommen im nahen Fichtelgebirge seien seit der Bronzezeit bekannt gewesen. Ungewöhnlich sei die Kulm-Keramik aus jener Zeit: Ihre Gestaltung ähnele Funden in der Schweiz, Mainfranken und Böhmen und stehe in Nordostbayern völlig isoliert da. Jedoch hätten damals schon Verbindungen nach Südbayern, Mitteldeutschland, dem Rheinland und Böhmen bestanden. Von dort habe man sich eventuell Anregungen geholt.

Furchtbarkeitssymbol

Aus der Urnenfelder-, Hallstatt- und Latènezeit des letzten vorchristlichen Jahrtausends hätten die jüngsten Grabungen markante Schalenkeramikfunde zutage gefördert. Einige schalenartige Gefäße der Frühlatènezeit (fünftes Jahrhundert vor Christus) seien schon auf Drehscheiben hergestellt worden: "Diese 'Luxusstücke' könnten in der Südoberpfalz, aber auch bereits am Kulm entstanden sein." Charakteristisch sei eine als Omphalos (Nabel) bezeichnete Delle an der Bodenunterseite: "Sie war ein Achsabdruck der Drehscheibe, der als Fruchtbarkeitssymbol bewusst dort belassen wurde. Vermutlich wurden die Schalen auch bei kultischen Riten benutzt."

Dass der Kulm ein Kultplatz gewesen sei, dokumentiere auch ein Sonnenamulett aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert: "Etwas Ähnliches wurde in der Oberpfalz sonst nirgendwo gefunden." Im achten Jahrhundert nach Christus dürfte dort ein christlicher Missionsstützpunkt bestanden haben, worauf der Fund eines als Taufgabe gefertigten Bleikreuzes schließen lasse. Welche Bedeutung der Kulm als Wegmarke in einer von Handelswegen gut erschlossenen Gegend besessen habe, illustrierten nicht zuletzt Glasperlenfragmente aus Sizilien und dem östlichen Mittelmeerraum.

Alte Annahmen widerlegt

Alles in allem habe sich bei der Grabungskampagne im früheren Steinbruch am Kulm eine durch die jüngeren Forschungen gewonnene Erkenntnis bestätigt, fasste Losert zusammen: "Die alte Annahme, dass die Oberpfalz bis ins Frühmittelalter unbesiedelt gewesen sei, ist Unsinn."

"Fehlanzeige" müsse das Kulm-Grabungsteam noch immer für die Zeit vom vierten Jahrhundert vor bis zum siebenten Jahrhundert nach der Zeitwende melden, hielt Losert fest: "Auch die letztjährige Grabung hat daran nichts geändert, denn die jüngsten Funde in der Bodenschicht unter dem Steinwall stammten aus der Zeit um 400 vor Christus. Der Wall wurde im achten Jahrhundert unter den Karolingern darüber angelegt." Man müsse deshalb weiterhin von einer rund tausendjährigen Besiedlungsunterbrechung ausgehen. Die Parallele zu den für das vierte vorchristliche Jahrhundert belegten Keltenwanderungen in anderen Regionen sei frappant, mutmaßte Losert: "Möglicherweise waren auch unsere vorgeschichtlichen Siedler Kelten."

Ferner fasste der Forscher die Geschichte der im achten und zehnten Jahrhundert angelegten Befestigungen zusammen. Zunächst hätten die Karolinger den Rauhen Kulm zu einem Teil ihres Burgennetzes ausgebaut, das das neu unterworfene slavische Siedlungsgebiet im Elbe-Saale-Raum und Ostbayern für das Frankenreich sichern sollte. Das Nebeneinander beider Kulturen lasse sich an Keramikfunden erkennen.

Im zehnten Jahrhundert sei die Anhöhe in ein Netzwerk befestigter Plätze zur Abwehr ungarischer Eroberer einbezogen worden. "Einige Funde lassen auf das im bayerischen Nordgau mächtige Grafengeschlecht der Schweinfurter als Bauträger schließen. Womöglich war der Kulm ein Schlachtort der 'Schweinfurter Fehde' um 1003", informierte Losert. Hintergrund
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