Bombenangriff am 19. April 1945
Wieso Neustadt?

Der Rauhe Kulm über der zerstörten Stadt zu seinen Füßen.
Lokales
Neustadt am Kulm
17.04.2015
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Der Rauhe Kulm über der zerstörten Stadt zu seinen Füßen.

Weshalb bombardierte die US-Luftwaffe 1945 Neustadt am Kulm? Das fragen sich auch 70 Jahre danach nicht nur Überlebende. Jedes Detail des Angriffs ist dokumentiert. Beim Wieso bleibt nur Spekulation.

Wahrscheinlich weiß niemand mehr von Neustadts Schicksalstag als Georg Miedel. Beinahe sein ganzes Leben befasst sich der 66-Jährige mit der Geschichte seiner Heimatstadt. Natürlich beschäftigt ihn der 19. April 1945 besonders. Kurz vor Kriegsende kostete ein Bombenangriff drei Menschen das Leben und der Stadt ihr Gesicht. Miedel hat den Angriff minuziös nachgezeichnet. Nur eine Frage bleibt auch für den Heimatforscher offen: Wieso bombardierte die US-Luftwaffe diese kleine unbedeutende Stadt? „Dazu steht auch bei den Amerikanern nichts in den Archiven“, sagt Miedel.

Die Frage bleibt so auch für Ella Lazarus und Emilie Doreth unbeantwortet. Als Mädchen erlebten die beiden Neustädterinnen während und nach dem Angriff vom 19. April die wohl schlimmsten Stunden ihres Lebens. Die 10-jährige Emilie lebte mit ihren Eltern am Marktplatz 61. Als wäre es vor wenigen Tagen passiert, erzählt sie, wie sie mit Mutter Katharina Putz im Garten am Oberen Tor war. Dass sich Flugzeuge näherten, habe sie nicht beunruhigt. Schon seit Tagen kreisten Aufklärer der Amerikaner am Himmel. Von den Fliegern ging keine Gefahr aus. „Doch plötzlich ging es schnell, erst fielen Schüsse und dann Bomben“, erzählt Doreth besonnen.

Deckung im Hauseingang

Mit der Mutter hetzte sie heim zum Wohnhaus, immer wieder drängte die Mama das Mädchen in einen Hauseingang, wenn die Gewehrsalven ein paar Meter entfernt über den Platz peitschten. Zuhause stürzten die beiden in den Keller. „Gott sei Dank hat das Haus keine Bombe getroffen. Der Keller hätte uns nicht geschützt.“ Das war ihnen klar, als die Druckwellen der Bomben als Luftzug durch den Keller streiften. Was ein Volltreffer aufs Haus bedeutete hätte, zeigte nach dem Angriff ein Blick aufs Nachbaranwesen. Ein Lufttorpedo und Phosphorbomben hatten das Haus der Familie Beierlein getroffen. Die 48-Jährige Mutter Babette wurde verschüttet, die 17-Jährige Tochter Frieda von einem Splitter getroffen. Beide überlebten nicht.



Ella Lazarus trug ihren Mädchennamen Ahl. An jenem Morgen besuche die 12-Jährige ihre Großmutter in der Pfarrgasse 7. Die Oma hatte sie dann zur Bäckerei Mösel geschickt, um Milch zu holen. Gerade als sie sich auf den Nachhauseweg machen wollte, begannen die Flieger aus ihren Bordwaffen zu schießen. „Gleich darauf fielen Bomben.“ Die Bäckerfamilie und andere Kunden nahmen das Mädchen mit in den Keller der Bäckerei. „Ich sehe noch, wie Mauerstücke aus der Wand fielen, wenn draußen wieder eine Bombe einschlug.“

Als der Spuk zu Ende war, wartete der nächste Schock: „Neustadt brannte an allen vier Ecken.“ Mit ihrer Cousine Johanna rannte sie zur Großmutter in die Pfarrgasse. Eine gute Stunde zuvor war sie von dem Haus aus aufgebrochen, nun stand es in hellen Flammen, ebenso das Nachbaranwesen. „Am Nachmittag ist der Giebel vom Haus der Familie Stock einfach eingefallen und hätte fast einen der Stock-Buben erschlagen.“ Gut erinnern könne sie sich an das Bild vom Vater, der ein brennendes Kabel zwischen Rathaus und dem Haus des früheren Viehhändlers Xander Kopp herausriss.“ Das hat der Familie die Wohnung in dem Haus gerettet, das Feuer war auf den Weg.



Viele solche Geschichten kennt auch Georg Miedel von seinen Gesprächen mit alten Neustädtern, von denen heute kaum mehr einer lebt. Bis heute treibt ihn der 19. April um. Statt Klarheit hätten die Gespräche mit den Augenzeugen eher Verwirrung gebracht. „Die Erinnerung verschwimmt mit den Jahren, die Aussagen unterscheiden sich“, sagt Miedel.

Einige Zeit hieß es, dass die Amerikaner ungarische Soldaten in der Stadt als Bedrohung für ihren Vormarsch ansahen. Zwar hielten sich vor 70 Jahren wohl Ungarn in der Stadt auf. Wahrscheinlich waren das aber Verwundete oder Kriegsgefangene, jedenfalls keine Bedrohung für den Vormarsch. Nicht glauben will Miedel auch die Geschichte von SS-Einheiten, die Neustadt zur Festung ausbauen wollten und deshalb von den Amis angegriffen wurden. „Es gab versprengte Einheiten, tatsächlich wohl auch in Neustadt. Aber eine Rolle haben sie beim Angriff nicht gespielt.“


Auch ein anderes Gerücht hält Miedel für widerlegt: Ein defekter Panzer auf dem Markplatz soll die Amerikaner zum Angriff bewogen haben. „Das kann ich mir nicht vorstellen“, meint Miedel und erhält Unterstützung von einem anderen Augenzeugen: Adolf Schäffler ist sich sicher, dass es keinen Panzer gab. „Dort stand eine alte Feldküche“, erinnert sich der heute 85-Jährige. Die Küche habe das Lazarett im Schulgebäude versorgt, dort sollen auch die Ungarn untergebracht gewesen sein – als Verwundete, und ganz sicher nicht als Bedrohung.
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