"Grausames Schicksal" bleibt

Bürgermeister Wolfgang Haberberger hielt die Ansprache zur Gedenkfeier. Er bezeichnete den 19. April als einen der schwärzesten Tage in der Geschichte der Kulmstadt. Bild: ww
Lokales
Neustadt am Kulm
22.04.2015
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Ein Abend der Erinnerung gehörte den Opfern von Neustadt am Kulm. Genau 70 Jahre nach dem Bombenangriff auf die Stadt warnten Pfarrer André Fischer und Bürgermeister Wolfgang Haberberger vor dem Vergessen.

Mit einer eindrucksvollen Feier erinnerten Stadt und Bürger an den Angriff amerikanischer Jagdflugzeuge auf die Stadt vor 70 Jahren. Den ökumenischen Gedenkgottesdienst hielten Pfarrer Sven Grillmeier und Pfarrer Dr. André Fischer aus Grafenwöhr. Pfarrer Hartmut Klausfelder war auf einer Fortbildung. Der Männergesangverein Kulmianer unter der Leitung von Konrad Dippl gestaltete die Feier.

Pfarrer Fischer sprach vom "grausamen Schicksal", das die Städte Grafenwöhr und Neustadt verbinde. Kurz vor Kriegsende wurden beide bombardiert. Vergangenheitsbewältigung sei ein großes Thema in Deutschland. In den ersten Jahren nach dem Krieg hieß bewältigen totschweigen. Mit der 68er Generation ging das nicht länger. Die neue Art der Vergangenheitsbewältigung hieß nun schonungslose Offenlegung. "Das war nötig für einen Neuanfang." Aber es gebe auch Grenzen. "Wenn jeder Mitläufer zum Täter stilisiert wird, jeder Wehrmachtssoldat ein Verbrecher sein soll und jeder Deutsche alles hätte wissen und verhindern können." Seit einigen Jahren habe die Vergangenheitsbewältigung eine neue Phase erreicht. Man frage, wie die Zivilbevölkerung, wie Babette und Frieda Beierlein und Georg Harles hier in Neustadt, zu Opfern des Krieges wurden. "Wir sind oft überrascht, was Völker- und Kriegsrecht damals alles erlaubt haben - die Bombardierung Coventrys und Warschaus, die britische Bombardierung Dresdens, die amerikanische Bombardierung Grafenwöhrs und Neustadts." Der Schutz der Zivilbevölkerung war auch damals geboten. "Es ist eine große Gnade, dass unsere Feinde von damals, heute unsere Freunde sind", meinte Dr. André Fischer zum Abschluss seiner Predigt.

Mit Fackeln

Nach dem Gottesdienst zogen die Vereine mit einem Fackelzug zum Kriegerdenkmal. Bürgermeister Wolfgang Haberberger erinnerte an den schwarzen Tag, als "das Herzstück unserer historischen Stadt bombardiert und zu großen Teilen zerstört wurde". Dieser Kriegsakt sei aus heutiger Sicht nur schwer vorstellbar. Noch schlimmer müsse die Not gewesen sein, die folgte. Bis zu zwanzig Menschen mussten in einem Raum schlafen, die Nahrungsmittel waren knapp.

Doch es war noch nicht genug mit dem Schrecken, so Haberberger weiter. Fünf Kinder mussten einige Tage nach der Bombardierung ihr Leben lassen, weil sie mit Fundmunition spielten. "Wir sind heute hier, um dieser Toten zu gedenken. Wir gedenken aber auch derer, die im Krieg ihr Leben lassen mussten. Auf den drei Kriegerdenkmälern in unserer Gemeinde stehen 164 Namen". Die Schrecken des Krieges habe die heutige Jugend zum Glück nicht erleben müssen. Eine lange Friedenszeit habe das Vergessen leicht gemacht. Den Frieden schätze man erst, wenn man den Krieg erlebt hat. "Es sollte uns trotzdem gelingen, der Jugend den Friedensschatz näher zu bringen."

Kein militärischer Akt

Während der Ansprache warf ein Projektor Bilder vom zerstörten Neustadt auf eine Leinwand. Zum Schluss warb der Bürgermeister noch einmal für einen Besuch der Ausstellung in der ehemaligen Volksschule. Zum Gedenken an die Opfer legte das Stadtoberhaupt einen Blumenkranz am Kriegerdenkmal nieder. Es folgte ein Gedicht von Roland Fischer, einem damals 18-jährigen Soldaten, der am 19. April 1945 in Gefangenschaft geriet. Das Gedicht "Flammen über Neustadt" trug die Jugendbeauftragte der Stadt, Ines Schindler, vor. Gemeinsam sangen die Teilnehmer anschließend die Nationalhymne, nicht als militärischer Akt, sondern im Bewusstsein des tieferen Sinnes der dritten Strophe, erklärte Haberberger. "Streben wir immer Einigkeit an, wenn es gegen jeden Krieg geht, lasst uns immer Recht über Unrecht stellen und nutzen wir unsere Freiheiten, damit alle in Frieden leben können." Mit diesen Worten schloss Wolfgang Haberberger die Gedenkfeier, nicht ohne zuvor den Pfarrern und allen Mitwirkenden zu danken. Musikalisch umrahmt wurde die Feier vom evangelischen Posaunenchor unter der Leitung von Karin Müller-Bayer.
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