Kleine Lunge, große Leistung

Sie geht für andere bis an ihre Grenzen: Als eine der wenigen Frauen trägt die 20-jährige Amelie Kopp, Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr Neustadt am Kulm, das Abzeichen des Atemschutzgeräteträgers und arbeitet ab jetzt bei Einsätzen "an der Front". Bild: Reiner Kopp
Lokales
Neustadt am Kulm
05.11.2015
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Sie kämpfen sich durch giftiges Gas, Rauch und enge Tunnel, um andere Menschen zu retten. Immer mit dabei: eine etwa 30 Kilogramm schwere Pressluftflasche. Bei Feuerwehreinsätzen ist die jetzt offizieller Begleiter einer jungen Frau.

"Klar stellt man sich die Frage, was da gleich auf einen zukommt und ob man alles richtig macht", gibt Amelie Kopp zu. Seit knapp zwei Wochen trägt die 20-Jährige das Abzeichen des Atemschutzgeräteträgers auf der Uniform. Zu Recht mit Stolz, denn gerade einmal drei weitere Frauen ihres Feuerwehrvereins dürfen das. Einen Einsatz hatte sie in ihrer neuen Funktion bisher noch nicht und blickt ihm mit gemischten Gefühlen entgegen.

Wie hart er werden könnte, hat sie schon auf der Atemschutzstrecke in Neustadt/WN gespürt: "Bei den Übungen mussten wir im Dunkeln durch enge Rohre kriechen oder über Reifen klettern." Das sei schon ziemlich anstrengend gewesen, noch dazu mit der schweren Ausrüstung. Bis zu 30 Kilogramm wiegt eine Pressluftflasche, dazu kommt noch das Gewicht der dicken Schutzjacke, Schuhe und Maske.

Die Anforderungen an Atemschutzgeräteträger sind hoch, und nicht jeder ist dafür geeignet. Wer zur Elite der Freiwilligen Feuerwehr gehören will, muss körperlich in Topform sein. Nicht nur nach der eigenen Einschätzung, sondern auch nach einer ärztlichen. "Ich musste vorher zum Beispiel ein Belastungs-EKG oder einen Seh- und Lungenfunktionstest machen", zählt sie auf. Circa alle drei Jahre muss sie überprüfen lassen, ob ihr Gesundheitszustand noch in Ordnung ist. "Selber merkt man ja nicht, ob Rauch schon die Lunge angegriffen oder der Körper abgebaut hat."

Körperliche Bestform

"Deshalb hören auch viele Kameraden, die älter als 50 sind, als Geräteschutzträger auf", weiß Ulrich Kraus, Kreisbrandinspektor für Bereich Mitte. Mit zunehmendem Alter machen sich schon die ein oder anderen Gebrechen bemerkbar, die auch dem Arzt nicht verborgen bleiben. Umso wichtiger ist es deshalb, dass sich junge, leistungsfähige Feuerwehrler dazu ausbilden lassen. Im Fitnessstudio und auf dem Reitplatz hält sich Kopp fit, um "an der Front mitzukämpfen". So bezeichnet sie selbst die Verantwortung eines Atemschutzgeräteträgers.

Eigentlich war es für die junge Frau klar, irgendwann eine Atemschutzmaske zu tragen. "Genauso wie mein Papa", lacht sie. Heute sei er zwar kein Geräteträger mehr, aber zweiter Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr. Mit zwölf Jahren ist sie dem Verein beigetreten, mit 16 durfte sie bei Einsätzen zuschauen und ab 18 endlich mit anpacken. Umgefallene Bäume, Ölspuren oder überflutete Keller sind zwar spannend, bringen sie kaum mehr aus der Ruhe. Sich jetzt aber mit einer Schutzmaske durch Chlor- oder Giftgas zu kämpfen, ist etwas anderes: "Das ist pures Adrenalin. "

Unbegründete Zweifel

Dass sie kämpfen kann, hat sie in der Ausbildung gezeigt. Als einzige Frau musste sie sich unter ihren männlichen Kollegen und Ausbildern beweisen. Am Anfang habe sie das schon verunsichert. "Mein erster Gedanke war, 'Oh Gott, wo bin ich gelandet? Kann ich da kraft- und größenmäßig mithalten?'" Über diese Zweifel lacht sie jetzt, waren sie doch völlig unbegründet. Männer sind zwar stark, dafür ist die 20-Jährige klein und ausdauernd. Ein großer Vorteil, vor allem bei engen Tunneln oder Schächten.

Auch wenn sie als Frau eine Rarität unter den Anwärtern war, blieben die Anforderungen für sie doch die gleichen: Kopp absolvierte alle Übungen unter den gleichen Bedingungen wie ihre männlichen Mitstreiter. Ab und zu sind sie der 20-Jährigen auch zu Hilfe geeilt: "Sie haben mich vom Boden aufgehoben, wenn ich mit meiner schweren Ausrüstung nicht mehr hochgekommen bin." Aber so sei das eben bei der Feuerwehr: Einer muss auf den anderen schauen.

Das sieht auch bei richtigen Einsätzen nicht anders aus: Bei Bränden oder Unfällen werden Atemschutzgeräteträger mindestens zu zweit losgeschickt, während ein Sicherheitstrupp sie überwacht. "Die kontrollieren den Druck der Pressluftflaschen und wie lange die anderen in der Gefahrenzone sind", erklärt Kopp. Nach spätestens 20 Minuten muss sich der aktive Trupp zurückziehen, seine Flaschen auffüllen und sich erholen.

Mit einer Pressluftflasche, gefüllt mit etwa 300 Bar, könnte der Träger eine Dreiviertelstunde direkt an der Rauchfront arbeiten. Amelie Kopp wohl länger, weil sie mit ihrer "viel kleineren Lunge" weniger Sauerstoff verbraucht. "Aber bei solchen Einsätzen muss man immer zuerst auf sich schauen, und nicht auf den Brand." Egal, wieviel Sauerstoff noch in der Flasche oder Kraft in einem steckt.
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