Voll motiviert für Deutschland

Karlheinz Schultes (von links) mit Mebrahtom, Ahmed El-Zein, Haben und Arina Schultes. Das Zusammenleben klappt. Bild: sib
Lokales
Neustadt am Kulm
07.09.2015
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Wohin mit den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen? Die Jugendämter haben längst keine Antwort mehr. Unterstützung bekommen sie nun von Ahmed El-Zein und dem zweiten Bürgermeister von Neustadt am Kulm.

Das Thema Flüchtlinge treibt derzeit wohl alle um. Einen aber ganz besonders: Ahmed El-Zein wollte nicht mehr zusehen und gründete mit seiner "El-Zein Human Rights Organisation" (HRO) eine Anlaufstelle für jugendliche Flüchtlinge. Seit 1. September bekommt der 24-Jährige Aufträge vom Jugendamt. "Die HRO will vor allem den Jugendämtern als Kooperationspartner den Rücken stärken und übernimmt ambulant betreutes Wohnen von minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen", beschreibt El-Zein die Aufgabe seiner Organisation.

Überfordert

Nicht nur die Erstaufnahmeeinrichtungen sind mit dem Flüchtlingszustrom überfordert. Auch die Fachkräfte in der Jugendhilfe sehen längst kein Land mehr. Wenn ein junger Flüchtling alleine in Deutschland ankommt, folgt im Erstaufnahmelager eine Altersfeststellung. Wenn der Flüchtling tatsächlich jünger als 18 Jahre ist, muss das zuständige Jugendamt sich um die Unterkunft und Jugendhilfe kümmern. "Aber die kann teilweise nicht mehr erbracht werden, die Jugendämter haben zu wenig Kooperationspartner, die dafür qualifiziert sind", erzählt El-Zein.

Vor zwei Monaten hatte er die Idee, selbst ein Unternehmen zu gründen. "Da wusste ich noch nicht, wie utopisch der Aufwand dafür ist." Behördengänge, Auflagen und Formalien zehren an seinen Kräften. Dabei ist er erfahren im Umgang mit Jugendlichen, auch Flüchtlingen. Im SOS-Kinderdorf in Immenreuth aufgewachsen, machte er eine fünfjährige Ausbildung zum Erzieher. Im Sankt Michaels-Werk baute er bereits die zwei "UMF-Gruppen", vollstationäre Jugendgruppen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, auf und leitet sie. "Aber auch die platzen aus allen Nähten."

Drei Jugendlichen leistet das Unternehmen bis jetzt Betreuungsbeistand. Vorher waren sie in den UMF-Gruppen in Grafenwöhr beherbergt. Seit 1. September wohnen die drei Jungen nun in der Einliegerwohnung von Karlheinz Schultes in Neustadt am Kulm. "Ich bin zu Ahmed gekommen wie die Jungfrau zum Kind", lacht der 55-Jährige, der auch zweiter Bürgermeister der Kulmstadt ist. Schultes ist als Berufsbetreuer auch in Grafenwöhr beschäftigt, wo die beiden sich trafen und ins Gespräch kamen. Er vermietet seine Wohnung an den Landkreis, der sie nun den Flüchtlingen stellt.

Haben und Mebrahtom sind 18 Jahre alt, beide aus Eritrea. Karimi aus Afghanistan ist 17. Er ist noch kein Jahr in Deutschland, beherrscht aber die Sprache schon so gut, dass er seit April die Wirtschaftsschule in Eschenbach besucht. Die drei fühlen sich wohl in ihrem neuen Zuhause, auch wenn sie sich noch eingewöhnen müssen. Haben und Mebrahtom lernten sich auf der Flucht kennen. Hinter ihnen liegt eine Odyssee. Von Eritrea nach Äthiopien mussten sie zu Fuß, danach ging es eine Woche im Auto durch den Sudan. Zwei Wochen lang fuhren sie in einem überfüllten Bus durch die Sahara. Von Lybien setzten sie dann mit dem Boot nach Italien über, schließlich landeten sie in Rosenheim. Von Habens Familie lebt nur noch seine Mutter. Das Handy ist seine einzige Verbindung zu ihr. "Aber 20 Minuten nach Eritrea telefonieren kostet 10 Euro", erzählt er.

Das Ziel des Unternehmens sei, die Jugendlichen darauf vorzubereiten, ein selbstständiges Leben zu führen. Vor allem: sie zu integrieren. Dazu gehören ein Deutschkurs, Behördengänge, mit ihnen einkaufen gehen oder auch ihre Freizeit zu gestalten. "Was ich mir aber am allermeisten für meine Jungs wünschen würde, wäre eine Praktikumsstelle", sagt El-Zein.

"Die sind hoch motiviert, wollen sich integrieren und fragen oft nach", schwärmt Schultes von seinen Untermietern. Wenn El-Zein arbeiten ist, betreuen er und seine Frau Arina die Flüchtlinge. "Für mich ist die HRO eine gute Möglichkeit, einem Ghetto-Effekt entgegenzuwirken." Die kleine Gruppe will sich integrieren und Kontakte knüpfen. "Wir haben schon Kontakt mit dem Sportverein aufgenommen. Die Jungs sind exzellente Fußballer und würden gerne im Verein spielen. Am Sonntag stellten sich Haben und Mebrahtom zudem der katholischen Gemeinde im Gottesdienst vor.

Bisher gab es nur positive Erfahrungen, besonders von den Nachbarn. "Wir haben ihnen aber vorher Bescheid gegeben, wir wollten ihnen Hemmschwelle und Angst nehmen", sagt Schultes. Und die Leute wollen auch wirklich helfen. "Wir haben sogar schon ein Fahrrad in Aussicht", freut er sich.

Laptop gesucht

"Mir ist egal woher die Jugendlichen kommen. Ich möchte damit irgendwann auch jungen Deutschen helfen. Aber derzeit ist die Not bei den Flüchtlingen halt am größten", erklärt El-Zein. "Solidarität ist kein Talent. Solidarität ist keine Berufung. Solidarität ist für mich Menschlichkeit."

Die HRO ist freier Träger, an den das Jugendamt Arbeit abgibt. In Absprache legen sie dann fest, wo Hilfe und Betreuungsbedarf bestehen. El-Zein will auch langfristig standhafter Träger in der Jugendhilfe werden, und sucht dazu noch Ehrenamtliche aus der Umgebung oder Fachkräfte wie Erzieher als freie Mitarbeiter. "Auch Sachspenden, besonders Bücher, egal welches Genre, oder Fahrräder würden uns enorm helfen." El-Zein hält zudem Ausschau nach einem gebrauchten Gruppenlaptop, der die Jugendlichen beim Lernen unterstützen soll. Wer helfen oder spenden will, kann sich jederzeit an Ahmed El-Zein unter hro.elzein@gmail.com wenden.
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