Wühlen in der Vergangenheit

Grabungsleiter Michael Jaschke.
Lokales
Neustadt am Kulm
27.08.2015
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Archäologie: Harte Handarbeit verbindet sich mit moderner Technik. Bilder: sib (3)

Früher Slaven oder Ungarn, heute Touristen und Archäologen: Der Rauhe Kulm zieht Menschen an. Auch in diesem Jahr kamen die Wissenschaftler der Uni Bamberg an den Basaltkegel. Das Team um Dr. Hans Losert stieß auf eine kleine Sensation.

Seit 12 Jahren kommt Privatdozent Dr. Hans Losert vom Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit der Uni Bamberg an den Kulm. Seine Funde bestätigen immer wieder, dass "Deutschlands schönstes Naturwunder" nicht nur optisch etwas besonderes ist.

In diesem Jahr arbeiten er, sein Grabungsleiter Michael Jaschke und ihr Team seit der ersten Augustwoche in Neustadt. Schwerpunkte sind das Zugangstor und der untere Ringwall aus Basalt, der sich fast um den gesamten Kegel zog. Das Tor war einst der einzige Eingang zur Burg. Um das Tor gebe es viele Spekulationen, sagt Jaschke. Er rätselt über Datierung, Entstehungsgeschichte und einen möglichen Vorgängerbau.

Klar sei, weshalb der Wall an einer Stelle einfach abbricht: "Der Basalt wurde im vergangenen Jahrhundert abgebaut. Daraus wurde Schotter für den Straßen- und Eisenbahnbau." Für die Archäologen sei ohnehin wichtiger, was unter dem Wall liege. Unter der Erde ist nämlich eine weitere Basaltschicht zu finden. In dieser machte das Team eine kleine Sensationsentdeckung.

Bisher nur vermutet

"Bisher konnten wir nur vermuten, dass auf der circa 1,5 Meter hohen Wallmauer ein Wehrgang aus Holz gewesen sein muss. Jetzt können wir den ersten Beweis dafür erbringen." Losert und seine Mannschaft fanden Pfostenabdrücke zwischen den Steinen, die teilweise in die Lavaschicht geschlagen waren. Was für das ungeübte Auge wie ein Mäuseloch aussieht, versetzt das Team in Aufregung. "Das Loch ist der Abdruck einer Querstrebe aus Holz, die vermutlich die Pfosten befestigte", erklärt Jaschek. Der etwa zwei Meter hohe Holzaufbau erlaubte den Verteidigern, sich auf dem Ringwall schnell zu bewegen. Der Wall stammt aus karolingischer und ottonischer Zeit (etwa 800 bis 1024 nach Christus). Er diente zum Schutz der Burg, zu deren Bau es keine Quellen gibt. 1554 wurde sie geschleift. Wegen des Walls und der Hanglage galt die Burg lange als uneinnehmbar.


Besonders der Hang kommt den Archäologen heute zugute: Wegen des Gefälles wurden Burgreste nach unten gespült, der Wall habe wie "ein Auffangsieb" gewirkt. Jaschke und sein Team wissen also genau, wo sie suchen müssen. Am Montag entdeckten sie dort eine Pfeilspitze, die Jaschek den Ungarn zuordnet: "Ich sage späte Bronzezeit. Diese Form gab es damals nur bei den Ungarn." Das Stück lasse zudem auf Kampf schließen, vermutlich als die Ungarn nach Nordost-Bayern einfielen und dabei die Wehranlage belagerten.

Auch Keramikfragmente habe das Team in diesem Jahr gefunden. Selbst kleine, graue Klumpen kann Jaschek zuordnen. Anhand der Form und den Kuhlen der Scherben bestimmt er das Gefäß. "Das war einmal eine Schale aus der Eisenzeit, also etwa 600 vor Christus." Damals begann am Kulm erst die Eisenverarbeitung, in Süditalien gab es dagegen bereits Gefäße aus Metall. "Damit konnten die vorzeitlichen Kulmianer nicht mithalten, deshalb polierten sie Tongefäße, bis die graue Färbung Metall ähnelte.

Die Funde beweisen, dass der Rauhe Kulm bereits 2300 vor Christus, in der Jungsteinzeit, besiedelt war. Die vielen Keramikstücke aus slavischer Kultur lassen auf ein Zentrum slavischer Besiedelung schließen. Dieses Gebiet um den Rauhen Kulm wurde Flednitz genannt. Auch der Name Kulm, der sich vom slavischen Wort für Berg ableitet, belegt dies.

Keine Schätze

Loserts Team besteht aus Archäologen, Studenten und Freiwilligen. Es, gräbt nicht nur den Rauhen Kulm um, es vermisst auch jeden Stein im Grabungsfeld. Ein Computerprogramm soll daraus Infos zum Aufbau und den genauen Verlauf des Walls liefern. "Uns geht es nicht nur um Funde, sondern darum, die damaligen Begebenheiten rekonstruieren zu können. Früher suchten Archäologen nach Schätzen und Gold, heute will man nur wissen, wie der kleine Mann früher einmal gelebt hat", sagt Michael Jaschke.
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