1944 Fronleichnamsprozession gesprengt
Schicksalhaftes Fronleichnam

Josef Bayer.
Vermischtes
Neustadt am Kulm
23.05.2016
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Hier am Baumgartenhof kam es an Fronleichnam 1944 zu einem Zwischenfall, als die SS die katholische Prozession störte. Bilder: hia (2)

Während des Dritten Reichs existierte bei Guttenthau ein Arbeitsdienstlager, später ein Wehrertüchtigungslager unter Leitung der SS. Zum wenig Bekannten über diese SS-Einrichtung hat Heimatforscher Werner Veigl eine Episode der Unterdrückung und Schikanierung kirchlicher Aktivitäten durch das System ausgegraben.

Mockersdorf/Guttenhau. SS-Formationen sprengten am Sonntag, 11 Juni 1944, die Mockersdorfer Fronleichnamsprozession. In einem Schreiben im Speichersdorfer Gemeindearchiv vom 12. Juni 1944 beschwerte sich der damalige Bürgermeister Johann Müller (Lenz) aus Mockersdorf bei der Gendarmerie Neustadt am Kulm und dem Landrat in Kemnath/Stadt. Auch für einen der wenigen noch lebenden Zeitzeugen, den 88-jährige Sepp Bayer aus Roslas, blieb der Zwischenfall in guter Erinnerung.

Für den eigentlichen Feiertag Fronleichnam am Donnerstag, 8. Juni 1944, war den Mockersdorfern die herkömmliche Fronleichnamsprozession nicht erlaubt worden. Sie war deshalb auf den darauffolgenden Sonntag verlegt und der Umzug durch den Pfarrort Mockersdorf vom Landrat in Kemnath genehmigt worden. Die Prozession begann am Sonntag nach der Frühmesse gegen 10 Uhr. Sie nahm ihren Ausgang von der Kirche und bewegte sich Richtung Baumgartenhof zum dortigen Altar. Danach ging es zurück zur Pfarrkirche. Am Festzug beteiligten sich nahezu sämtliche Angehörigen der Pfarrgemeinde, "darunter mindestens 30 ältere, erfahrene Männer, von denen nahezu jeder drei bis vier Söhne an der Front stehen hat und mehrere, die um den Heldentod ihrer Söhne trauern, einige sogar ihren letzten Sohn für Führer und Vaterland dahingaben", schrieb Bürgermeister Müller an den Landrat.

Bereits vor Beginn der Prozession hatten die Mannschaften des Wehrertüchtigungslagers auf dem Feldweg Aufstellung genommen. Die Mannschaften des Wehrertüchtigungslagers setzten sich in Marsch, als die Prozession am Baumgartenhofaltar zum Dritten Evangelium angelangt war. Während dort die Liturgie begann, kamen die Mannschaften des Lagers in drei Zügen anmarschiert und sangen aus Leibeskräften. Unteroffizier Josef Brandl glaubte eine Störung der kirchlichen Handlung verhindern zu können und ging den anmarschierenden Zügen entgegen. Er bat den Führer des ersten Zuges, die Fronleichnamsfeier am Altar nicht zu stören, das Singen einzustellen oder einen anderen Weg zu nehmen.

Auch Bürgermeister Müller versuchte, auf den Mann einzureden. Der Führer des ersten Zuges entgegnete lediglich forsch: "Ich habe den Befehl, auf dieser Straße zu marschieren." Der Mannschaftszug ging weiter. Am Baumgartenhof zog die Abteilung aus dem Wehrertüchtigungslager Guttenthau unter Führung der SS-Leute singend mitten durch die auf dem Weg stehenden Teilnehmer der Prozession.

Die Frauen und Mütter mussten auf schnellstem Wege die Straße räumen, um nicht überrannt zu werden, berichtete Müller. Die Empörung der Prozessionsteilnehmer steigerte sich noch dadurch, dass sich auch die übrigen Züge mit sehr lautem Gesang näherten und die kirchliche Handlung, "man möchte fast sagen, absichtlich erneut störten", formulierte Müller vorsichtig. Die Liturgie am Altar wurde abgebrochen. Die Prozession setzte sich dann Richtung Pfarrhof fort.

"Um ein Haar", erinnert sich Sepp Bayer, "wäre dann der Vorfall auch eskaliert." Denn als etliche der jungen Marschierer den Pfarrangehörigen zu nahe kamen, ließ sich der damalige Ökonomierat Christoph Nickl aus Roslas, später Kemnather Landrat und Bundestagsabgeordneter, hinreißen, Jugendlichen einige Ohrfeigen zu verabreichen. "Hierauf wäre es fast zu einer Rauferei mit den führenden SS-Männern gekommen", erzählt Bayer. Die Jungen seien jedoch vernünftiger gewesen, hätten das Singen aufgehört und sich dann seitwärts an den Gläubigen vorbeigedrückt. Als die Prozession vorüber war und die Gläubigen ins Gotteshaus zurückgekehrt waren, sagte Pfarrer Grötsch zu Ökonomierat Nickl: "Verdient habn's die Watsch'n schon, aber dös hätt,s net braucht - die Jungen können ja nix dafür, schuld san die Alt'n."

"Die Empörung unter der katholischen Bevölkerung war groß. Sie war ob dieses Verhaltens innerlich aufgewühlt, verbargen jedoch aus verständlichen Gründen ihren Zorn", sagt Bayer. Wie Bürgermeister Müller seinerzeit ergänzte, sei es "den vernünftigen Männern zu danken, dass die Provokation keine weiteren Auswirkungen hatte." Ob Bürgermeister Müller aus Mockersdorf von der Gendarmerie Neustadt am Kulm und vom Landrat in Kemnath/Stadt eine Antwort bekam, darüber finden sich in den Archiven keine Dokumente. Eine Beschwerde seitens des Pfarrers wegen Störung religiöser Handlungen beim Bezirksamt Kemnath wurde von dort nicht beantwortet. Bekannt ist lediglich, dass die beteiligten SS-Männer nach kurzer Zeit versetzt worden sind.
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