Diskussion um Sanierung
Ein Marktplatz mit Fanclub

Die Kreisstraße schlängelt sich über den Marktplatz und lässt an den Häusern Platz. Die Anwohner wünschen sich, dass es so bleibt. Bild: wüw
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Neustadt am Kulm
18.06.2016
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Ein Planvorschlag (oben) und der Ist-Zustand des Marktplatzes. Die Anwohner wollen keine zentrale Grünfläche, die Straße soll möglichst wegbleiben von den Häusern. So soll der Platz seinen eigenen, Neustädter Charakter behalten.

Anderthalb Jahre herrscht Stillstand in Sachen Marktplatz Neustadt am Kulm, dabei wollte der Bürgermeister noch 2015 die Sanierung beginnen. Die Anwohner erklären, weshalb ihnen der Istzustand lieber ist, als der geplante Umbau.

Sie wohnen "am schönsten Marktplatz der Oberpfalz, wenn nicht gar ganz Bayerns." Die Anlieger sind Lokalpatrioten - und kämpfen in einer Interessengemeinschaft (IG) dafür, dass ihre Ortsmitte bleibt, wie er ist. Seit anderthalb Jahren tritt die Neugestaltung auf der Stelle, weil die Anwohner von einer solchen nichts wissen wollen. 65 von 70 Anwohner haben unterschrieben, "und auch die verbliebenen fünf seien nicht alle für die Umgestaltung", versichern sie. Ihre Namen wollen sie nicht in der Zeitung lesen, weil sie sich nicht einzeln hervortun wollen, der Star soll der Marktplatz sein.

Einiges zu tun


Dass es dort Einiges zu tun gibt, leugnen die IG-Vertreter nicht, die sich zum Gespräch mit dem "Neuen Tag" getroffen haben. "Aber die Struktur des Platzes ist ideal. Die kann man nicht verbessern." Sie verweisen darauf, dass der Platz fast ohne Verkehrsschilder auskommt. Engstellen an den drei Zufahrten sorgen für eine Verkehrsberuhigung. Der Markplatz biete genug Platz für die Landwirte, die ihn befahren müssen. Gleichzeitig ist Raum für Kinder, die das Radfahren lernen und für Senioren, die auf der Bank am Haus Anschluss am Stadtgeschehen behalten. All diese Vorzüge seien nun in Gefahr, vor allem aber würde Neustadts Zentrum seinen einzigartigen Charakter eintauschen gegen ein Aussehen, das man in vielen kleinen bis mittleren Städten findet: "Wir wollen aber nicht in Klein-Bayreuth leben, sondern in Neustadt am Kulm."

Standartlösung


Von den Planung der Büros Landschaftsarchitektur+ aus Hamburg und der P+ Architekten & Ingenieure Bayreuth halten die Mitglieder der Interessengemeinschaft genau aus diesem Grund nichts. Den Planern halten sie vor, sich gar nicht mit Neustadt, der Struktur, Geschichte und den Bedürfnissen befasst zu haben. Statt dessen würden sie der Ortsmitte eine Standartlösung überstülpen.

Der Begriff "Grüne Mitte" hat sich dabei zum Reizwort entwickelt. Unter diesem Titel soll der Marktplatz eine freie, parkähnliche Fläche erhalten, der Verkehr, teilweise in Einbahnstraßenregelung, um diesen Platz herum fließen. Die Anlieger fürchten neue Verkehrsschilder und Regeln, weniger Parkplätze und Rangierflächen für die Landwirte, dafür mehr Lärm, weil die Straße näher an die Häuser rückt. Der Vorschlag, die Kreisstraße über eine Umgehung um den Ort herumzuführen, ändere wenig. "Es geht nicht so sehr um die Menge der Fahrzeuge." Schon jetzt sei das Aufkommen nicht so groß, dass eine Umgehung nötig wäre. Aber der Lieferverkehr und die Landwirte würden auf dem Marktplatz bleiben, die Anwohner stören und die Senioren von den Bänken vor dem Haus vertreiben.

Über all das könnte man aus Sicht der Anwohner sprechen, wenn die "Grüne Mitte" Vorteile bringen würde, aber das tue sie nicht. Schon jetzt biete der Marktplatz alle Möglichkeiten, zusammenzukommen. Neustadt am Kulm brauche keinen "Kurpark", finden die Anwohner. Eine solche Anlage eigne sich für größere Städte, in denen der Weg in die Natur weit ist. "Wer bei uns im Grünen spazieren will, muss doch nur ein paar Meter laufen, um im Wald zu stehen." Außerdem biete der Marktplatz schon jetzt mehr Grün als jeder andere. Den Anwohner würde es reichen, diese Grünflächen neu zu bepflanzen.

Vielleicht sei Neustadt im falschen Förderprogramm. "Wir sind auf dem Papier eine Stadt, aber eigentlich ein Dorf." Deshalb hätte die Dorferneuerung besser als die Städtebauförderung gepasst. Dennoch ist die IG überzeugt, dass auch mit diesem Programm eine Sanierung möglich ist, die den Marktplatz nicht völlig verändert. "Es ist nicht richtig, dass nur eine Umgestaltung gefördert wird, wie es manche behaupten."

Einen Schritt nach vorne sehen die IG-Vertreter in der vergangenen Sitzung. Der Planer habe zugesagt, zu den vier bestehenden Varianten eine fünfte zu entwerfen. Diese soll den Platzcharakter besser berücksichtigen. Die Anwohner sind gespannt, ob der neue Entwurf Neustadts guter Stube mehr entgegenkommt.

Verstärkt die Kosten im Blick

Neustadt am Kulm. (wüw) Von einem neuen, fünften Planentwurf will Bürgermeister Wolfgang Haberberger nichts wissen. Bei der Sitzung am Freitag vor einer Woche ging es seiner Darstellung nach um vier überarbeitete Entwürfe, die Ergebnis der erneuter Bürgerworkshops waren. "Wobei es am Ende der Versammlung wieder einmal nur noch um ein Thema ging: Was muss der einzelne Bürger dazu zahlen?"

Haberberger kündigte im nächsten Schritt soll das Sachgebiet Bau der Verwaltungsgemeinschaft und das zuständige Sachgebiet im Landratsamt die Entwürfe bewerten und feststellen, ob man qualitativ etwas zu den Kosten für die Bürger sagen kann. "Sobald hier Ergebnisse vorliegen, wird in einer weiteren Veranstaltung Mitte bis Ende Juli alles noch einmal zusammenfassend vorgestellt."

Haberberger nennt es "eigentlich nicht zweckdienlich, eine Marktplatzsanierung/Gestaltung so zu planen, dass als Hauptziel eine Kostenoptimierung für die Bürger erreicht werden soll. Dann müsste man nämlich alle Straßen aus dem Marktplatz verbannen." Die Interessengemeinschaft wolle aber möglichst alle Straßen und geteerte Flächen erhalten Haberberger prophezeit, dass dies "finanziell auch nicht gestemmt werden kann".

Die Stadt wolle sich aber nicht dem Vorwurf aussetzen, dass schon bei der Planung nicht auf die Kosten der Bürger geschaut wird. Es ist deshalb von Beginn an ein Hauptaugenmerk auf die Kosten gelegt worden.

Über eine solche Aussage zu den Kosten, die mit der geplanten Neugestaltung auf sie zukommen, würden sich die Anwohner tatsächlich sehr freuen, bestätigten die Vertreter der Interessengemeinschaft. Die offene Kostenfrage sorge für Unsicherheit und halte auch Hauskäufer vom Markplatz ab. Es sei ihnen bewusst, dass eine exakte Aussage zu dem Punkt kaum möglich sei. Aber zumindest einen belastbaren Anhaltspunkt würden sich die Anlieger wünschen, schließlich habe es in der Verwaltungsgemeinschaft schon ähnliche Projekte gegeben, es müssten also Erfahrungswerte existieren.

Die Mitglieder der IG betonen aber auch, dass es falsch ist, dass die Kostenfrage für sie der Hauptpunkt der Kritik ist. Mindestens genauso wichtig sei es ihnen, die Struktur des Marktplatzes zu erhalten.
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