Integration auf sächsisch
André Dietrich aus Wechselburg lebt seit mehr als 20 Jahren in Neustadt am Kulm

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Neustadt am Kulm
24.02.2016
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André Dietrich hat keine Oberpfälzer Wurzeln. Er hat sich aber in Neustadt am Kulm schon so gut eingelebt, dass er seinen Umzug von Wechselburg bei Chemnitz in die Kulmstadt bis heute nicht bereut hat.

Dietrich ist 52 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder: Sohn René, 28 Jahre, und Tochter Janine, 25 Jahre. Im Interview mit Werner Walter erzählt er, warum er umgezogen ist, wie er sich eingelebt hat und was er vermisst.

Herr Dietrich, warum sind Sie aus dem Osten Deutschlands in den Westen gezogen?

André Dietrich: Ich bin gelernter Kfz-Schlosser und habe als Landmaschinenschlosser in einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) gearbeitet. Als Arbeiter habe ich ein Baugrundstück im Osten zugeteilt bekommen. Ich wollte eigentlich in der Nähe meines Heimatortes bleiben und dort bauen. Auch hatte ich schon einiges Baumaterial besorgt.

Nach der Wende war dort aber alles im Umbruch, so dass niemand wusste, wie es weitergehen sollte. Dann wollten auch die alten Grundstückseigentümer ihr Land zurück, so dass ich plötzlich ohne Baugrund da stand. Das war der Grund dafür, dass ich in den Westen zog.

Wann und warum sind Sie in Ihrem derzeitigen Wohnort gelandet?

Dietrich: Hier kam mir zunächst der "Minister Zufall" zugute. Mir bot sich 1989 die Gelegenheit, zu meiner in Kulmain wohnenden Tante zu ziehen. Hier wohnte ich ein Jahr lang unter der Woche, an den Wochenenden pendelte ich zurück in den Osten. Arbeit hatte ich beim ehemaligen Autohaus Stojan in Kemnath gefunden und dort bis 1993 gearbeitet. Dann bot sich mir die Möglichkeit, bei Prösl-Bau in Eschenbach unter anderem als Kraftfahrer zu arbeiten. Dort gefällt mir die Arbeit, so dass ich auch heute noch dort beschäftigt bin. Bereits 1990 hatte ich meine Familie nachgeholt. Wir wohnten zunächst in Filchendorf und später in Neustadt am Kulm in Miete.

Im Hinterkopf hatte ich noch immer den Bau eines Eigenheims. Als sich dann die Möglichkeit ergab, am Grünlohweg in Neustadt am Kulm ein Grundstück zu erwerben, packte ich die Gelegenheit beim Schopf und kaufte es. 1999 fing ich mit dem Bau des Wohnhauses an. Bis auf die Estrich-, Elektrik- und Heizungsarbeiten sowie den Einbau der Fenster habe ich mein Wohnhaus praktisch in Eigenleistung nach dem Feierabend, an den Wochenenden und im Urlaub erbaut.

Was ist typisch für die Region und was schätzen Sie hier besonders?

Dietrich: Ich bin auch heute noch sehr überrascht über die Hilfsbereitschaft der hier wohnenden Bürger. Besonders gefallen mir die vielen Bänke vor den Häusern. Hier findet man bei einem Spaziergang stets eine gute Unterhaltung. Durch eine kleine Umgestaltung werde ich mir auch künftig eine kleine Ruhebank vor mein Haus stellen.

Besonders angetan war ich auch von der aktiven Vereinsarbeit. Nachdem die Gartenarbeit mein Hobby ist und ich lieber draußen als drinnen bin, habe ich mich dem Obst- und Gartenbauverein angeschlossen. Dort war ich zunächst als Beisitzer tätig. Nun übe ich seit dem Vorjahr das Amt des Vorsitzenden aus. Ich war dort auch drei Jahre in der Nachwuchsarbeit tätig und habe die Jugendabteilung "Stachelige Kulmkids" mitgegründet. Weiter bin ich als Sänger und Notenwart im Männergesangverein "Kulmianer" tätig, bin bei den Motorradfreunden Neustadt am Kulm und mähe seit 21 Jahren die Fußballplätze des Sportvereins. Weiter schätze ich einen guten Schweinebraten und ein kühles Pils von einer der zahlreichen in der Region angesiedelten Brauereien. Auch einen Zoigl verachte ich zum Feierabend natürlich nicht.

Was vermissen Sie am meisten?

Dietrich: Eines meiner Lieblingsgerichte ist eine gepökelte Rinderzunge mit Erbsengemüse und darüber ausgelassene Butter. Bedauerlicherweise bekommst du dieses Gericht in der hiesigen Region in keiner einzigen Gaststätte. Auch vermisse ich den vielfältigen echten sächsischen Blechkuchen mit Zucker, Streuseln oder Mohn. So bleibt mir stets die Vorfreude auf einen Besuch in der alten Heimat. Hier lasse ich mir mein Lieblingsessen dann keinesfalls entgehen.

Auf was aus Ihrer Heimat können Sie nicht verzichten?

Dietrich (lacht): Auf meine Sprache. Das Sächsische bringe ich nicht heraus und das wird wohl auch bleiben.

Welche Tipps haben Sie für Menschen, die sich hier integrieren wollen?

Dietrich: Hier gibt es ein einfaches Rezept: Wer Fuß fassen will, muss unter die Leute gehen, das Gespräch mit den Leuten suchen und sich am besten einem oder mehreren Vereinen anschließen. Wer dann auch noch in den Vereinen aktiv mitarbeitet, der ist schnell integriert und anerkannt.
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