Senioren im Demenzcafe "Zeitlos"
Stunden des Vergessens

Luzia und Christof König verbringen jeden Tag zusammen. Auch ins Café "Zeitlos" kommen die beiden nur im Doppelpack. Bild: esm
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Neustadt am Kulm
31.08.2016
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Bitte kräftig rühren: Im Café "Zeitlos" buttern die Senioren wie früher aus. Bild: hfz (2)

Diese Frau stellt ihm das Essen auf den Tisch, bügelt seine Hosen und macht sein Bett. Mehr weiß Christof König nicht von ihr. Die Demenz raubt ihm jede Erinnerung an seine Ehefrau. Das geht an Luzia König nicht spurlos vorbei.

Neustadt am Kulm/Schlammersdorf. Wenn Luzia König im Café "Zeitlos" ist, kann auch sie ein bisschen vergessen: Ihre schmerzenden Schultern, die steifen Knie oder die Sorge um ihren verwirrten Mann rücken für ein paar Stunden in den Hintergrund. Jeden zweiten und vierten Donnerstag im Monat spielt, singt und bastelt sie mit anderen Senioren und den Betreuern der BRK-Bereitschaft Neustadt am Kulm.

Die 81-Jährige aus Schlammersdorf genießt die Stunden im Rot-Kreuz-Haus. Vor allem Ballspiele wie Dosenwerfen oder Kegeln mag sie. "In den letzten vier Jahren habe ich keine Runde verpasst", betont sie. Ihrer Meinung nach könnte das Café ruhig jeden Tag geöffnet haben. "Ich bin dort gern. Ich vermisse es, wenn es wie jetzt wegen der Sommerpause geschlossen hat." Auch die Betreuer genießen diese Nachmittage. "Es gibt uns unheimlich viel zurück, unsere Besucher vor Glück strahlen zu sehen", erklärt Anni Priebe. Mit den anderen hauptamtlichen Betreuerinnen Heike Schindler und Monika Schmid leitet sie die Demenzgruppe. Die Senioren stehen an den Nachmittagen im Vordergrund. "Gleichzeitig entlasten wir damit auch deren Angehörige", erklärt Priebe.

Sie weiß, dass es nicht immer einfach ist, alte Menschen zu pflegen. Umso kostbarer ist es deshalb, auch mal Zeit für sich selbst zu haben. "Wir schenken ihnen drei Stunden, in denen sie Besorgungen machen oder Kraft sammeln können." Dieses Angebot nehmen Angehörige gerne an und die Zahl der Patienten ist auf aktuell 19 gestiegen.

Inzwischen gibt es das Café seit acht Jahren. Eine Zeit, in der Priebe schon einiges erlebt hat. An eine Patientin erinnert sie sich besonders. "Die Dame hat jedes Mal einen wunderschönen Blumenstrauß als Tischdeko mitgebracht. Wir haben uns natürlich drüber gefreut." Weniger groß sei die Freude allerdings bei dem Nachbarn der Seniorin gewesen. "Aus dessen Garten hat sie nämlich die Blumen ausgerissen."

Motorik trainieren


Die Betreuer unterhalten die Senioren nicht nur, sondern fördern ihre Fähigkeiten. Und zwar ganzheitlich: Spiele wie Dosenwerfen oder Kegeln trainieren ihre Motorik, Singen fordert ihr Gedächtnis. "Dafür suchen wir hauptsächlich Lieder aus, die die Senioren noch aus jungen Jahren kennen", erläutert Priebe. Wobei die Liederbücher meistens überflüssig sind: "Sie können davon fast jede Strophe auswendig." Viele lasse ihr Kurzzeitgedächtnis im Stich, das Langzeitgedächtnis dagegen funktioniere noch sehr gut.

Bei Christof König hilft das Demenz-Café nicht mehr viel. Er beobachtet das Treiben um sich herum, macht aber nicht mit. Was soll er denn mit einem Ball tun? Und was trällern die anderen da vor sich hin? "Er weiß ja nicht mal mehr, wer ich bin", sagt seine Frau traurig. Trotzdem nimmt sie ihn zu den Treffen mit. "Ihm tut es genauso gut wie mir, mal raus und unter Leute zu kommen." Gesellschaft leisten dem Paar ansonsten Sohn und Schwiegertochter, mit denen sie in einem Haus wohnen.

So ähnlich wie dem dementen Schlammersdorfer geht es auch anderen Patienten im "Zeitlos". "Manche waren schon oft hier, können sich aber nicht mehr daran erinnern", bedauert Priebe. Je nachdem, wie weit die Krankheit fortgeschritten ist, seien die Senioren stärker verwirrt als andere. "Auch körperlich sind nicht alle gleich fit." Das Café dagegen vergisst niemanden. Senioren, die früher zur Gruppe gehörten und inzwischen in Pflegeheimen leben, besucht die Kaffeerunde regelmäßig. Luzia König freut sich darauf genauso wie auf die Ballspiele: "Wir sind eine gute Gruppe, und dazu gehören auch die, die nicht mehr mitmachen können." Hinter den Besuchen steckt zugleich ein psychologischer Aspekt, wie Priebe erklärt. Viele hätten Angst, in ein Heim abgeschoben zu werden, dass es ihnen dort schlecht gehe, sie einsam seien. "Wenn sie aber sehen, dass es anderen dort gut geht, nimmt ihnen das etwas von ihren Befürchtungen."

Die "sympathischen und herzlichen" Betreuerinnen umsorgen die Königs auch außerhalb des DemenzCafés. Regelmäßig fahren die Helfer der Betreuungsgruppe zu den Senioren nach Hause, plaudern mit ihnen und sehen nach dem Rechten. "Darüber bin ich sehr froh. Und meinem Mann bekommt das auch", sagt Luzia König. Sei seine Laune mal nicht so gut, bessere sie sich nach dem Besuch der Schwestern.

Schlechte Laune gibt es im Café "Zeitlos" nicht. Zumindest kann sich Luzia König nicht daran erinnern. "Bei den Treffen machen wir immer allerlei Dummheiten und lachen herzhaft." Sie ist froh, wenn die Sommerpause endlich vorbei ist. Dann kann auch sie wieder für ein paar Stunden vergessen.

KontaktDas Café "Zeitlos" empfängt jeden zweiten und vierten Donnerstag im Monat Senioren im Rot-Kreuz-Haus (Jahnstraße 15) in Neustadt am Kulm. Informationen bekommen Interessierte bei Anni Priebe unter Telefon 0177/8819222. (esm)


Es gibt uns unheimlich viel zurück, unsere Besucher vor Glück strahlen zu sehen.Anni Priebe, Leiterin des Demenzcafés "Zeitlos"
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