Was geschah am Freitag gegen 3.20 Uhr in der Asylbewerberunterkunft?
Rechtzeitig aufgewacht

Der Schreck ist auch ihm in die Glieder gefahren: 19 Asylbewerber aus fünf Ländern, darunter drei Kinder, mussten kurzzeitig evakuiert werden.
 
Bürgermeister Rupert Troppmann: "Seit Jahren beherbergen wir Flüchtlinge - und ich sage bewusst beherbergen. Das war nicht zu erwarten."
 
Polizeisprecher Michael Rebele (links) mit einem Zeugen, der angibt, zur Tatzeit ein wartendes Auto vor der Unterkunft gesehen zu haben.

Was geschah am Freitag gegen 3.20 Uhr in der Asylbewerberunterkunft im Ortsinneren von Neustadt/Waldnaab? Ein Bewohner gibt an, er habe Rauch bemerkt, einen brennenden Tisch im Gastraum entdeckt und die Mitbewohner geweckt - und zwei Männer durch ein Fenster flüchten sehen.

Nach der Schilderung des 34-jährigen iranischen Asylbewerbers habe ein dritter Unbekannter vor dem ehemaligen Gasthaus gewartet. Beschreiben kann der Mann das fliehende Trio kaum: Einer habe einen Kapuzenpulli getragen. Die sofort verständigte Feuerwehr kann den Brand schnell löschen.

Alle 19 Insassen, darunter drei Kinder, bleiben unversehrt, der Sachschaden ist gering. Um die 500 Euro. Ein Anschlag? Ein Nachbarschaftsstreit? Die Ausführung erscheint dilettantisch, ein Brandbeschleuniger ist offenbar nicht im Spiel.

Wartendes Auto?

Anwohner wollen am Vortag eine Diskussion zwischen einer Gruppe Jugendlicher und den Bewohnern der Unterkunft beobachtet haben. Auch ein älterer Mann meldet sich zu Wort: "Mein Sohn und ich sind um 10 nach 3 vorbeigefahren und haben ein Auto davor gesehen." Die leuchtenden Rücklichter seien ihm aufgefallen. Besteht ein Zusammenhang mit dem Geschehen? "In unserem Sprachgebrauch ist das ein Hinweis", sagt Michael Rebele, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz. "Den nehmen wir natürlich ernst, der muss abgearbeitet werden."

Unmittelbar nach den Löscharbeiten übernimmt die Kriminalpolizeiinspektion Weiden, die eine Ermittlungsgruppe "Krone" auch mit Beamten anderer Dienststellen einrichtet. Die Staatsanwaltschaft Weiden und Spezialisten des bayerischen Landeskriminalamtes sind miteingebunden. Wie genau der Brand entstand, kann noch nicht bewertet werden. "Ein zusammengerollter Teppich auf dem Tisch ist zum großen Teil verbrannt", konkretisiert Rebele. Es ist nicht auszuschließen, dass der schon zuvor dort gelegen hatte: "Der Gastraum diente ein wenig so als Lagerraum", erklärt der Pressesprecher.

Vor dem ziegelroten Haus in der Freyung ist ein Karree mit dem rotweißen Polizeiband abgesperrt. Betreten des Tatorts verboten. Presse und Fernsehen warten auf O-Töne. Michael Rebele gibt Interviews im Akkord. Immer wieder der Satz: "Wir ermitteln in alle Richtungen, die Brandursache ist offen." Spurensucher in weißen Ganzkörperkitteln begutachten Fenster, Türen und Rußspuren am Trottoir, wohin der brennende Tisch geschleppt worden war. Sie sprechen in ihre Diktiergeräte.

"Erschrocken, dass so was passiert."

Am späten Vormittag besucht Bürgermeister Rupert Troppmann (CSU) die Szenerie: "Ich bin erschrocken, dass so was passiert." Worte, die man schon gehört hat. Aber sie scheinen nicht nur so dahingesagt. Man merkt dem Rathauschef an, dass ihm der böse Verdacht an die Nieren geht. "Seit Jahren beherbergen wir Flüchtlinge - ich sage bewusst beherbergen - auch viele unbegleitete Jugendliche sind in Vereinen integriert." Es gebe eine Menge Freiwilliger und ein gutes Auskommen miteinander: "Die Flüchtlinge sitzen am Marktplatz, sie gehören fast zum Stadtbild - das war nicht zu erwarten."

Gegen Mittag löst sich die Gruppe der Wartenden langsam auf. Neugierige beobachten das Geschehen von der anderen Straßenseite. Szenenwechsel, ein Besuch im Landratsamt. Das für die Verwaltung der fünf Neustädter Unterkünfte mit 66 Fremden zuständige Sozialamt ist nicht mehr besetzt. Gibt es einen Notfallplan für den Fall eines Anschlags? Claudia Prößl, Pressesprecherin des Landratsamtes, erklärt: "Es gibt im Landkreis 50 solcher Einrichtungen, darunter einige Wohnungen - wir können die nicht alle bewachen."

Plötzlich steht der Landrat in der Tür. Andreas Meier ist gestresst. Er kommt gerade von der Erstbesichtigung möglicher Grundstücke für Notunterkünfte. "Wir können nicht vor jede Unterkunft einen Sicherheitsdienst stellen." Man habe bewusst auf das dezentrale Prinzip gesetzt, um die Bevölkerung nicht zu überfordern. "Jetzt ist es unsere Aufgabe, klar zu machen, dass ein jeder die Augen offen halten muss, und dass so etwas in keinster Weise toleriert wird."

Einheimische gesucht

Zurück an der Freyung suchen Kamerateams der großen Sender verzweifelt Einheimische, die ihre Eindrücke wiedergeben. "Kollege?", fragt einer enttäuscht. Aber die Frau neben dem Kollegen ist eine echte Neustädterin. Hoffnung in den Augen des Reporters. "Ich habe nichts gesehen", wehrt Carmen Puhane ab, die gegenüber arbeitet. "Macht nichts, wir wollen nur wissen, was sie dazu denken." Also gut: "Ich finde es schrecklich", sagt die Mutter zweier Kinder, "wir können froh sein, dass wir unsere Heimat nicht verlassen müssen. Und dann so etwas."

Fast unbemerkt kommt aus dem abgesperrten Haus ein Afrikaner. Dodo schlendert auf der anderen Straßenseite Richtung Norma. Der junge Kongolese ist sichtlich durch den Wind. "Ich habe Kopfschmerzen, möchte mich gleich wieder hinlegen", sagt er auf Englisch. Aber erst müsse er Brot einkaufen. Ja, begleiten dürfe man ihn. "Gegen 3 Uhr habe ihn ein Freund geweckt", sagt er aufgeregt. "Ich sah Rauch, der Tisch hat gebrannt." Ob es nach Benzin oder einem Brandbeschleuniger gerochen habe, schließlich brennt so eine Tischplatte nicht so leicht? "Nein, das was drauflag", meint er und sucht nach dem Wort. Wir versuchen es auf Französisch: "Tapi", aha, ein Teppich, also "a carpet?" Genau.

Dodo will schlafen

Er habe zugeschaut, wie zwei Freunde den Tisch rausgeschleppt hätten. Er selbst habe die Tür aufgemacht, auch weil er nicht wollte, dass die Kinder weiter im Rauch stünden. Und er wollte seinen Rucksack packen: "Ich wusste nicht, was passiert." Erst als er Feuerwehr und Polizei sah, sei er beruhigt gewesen. "Ich danke Gott, dass wir rechtzeitig aufgewacht sind." Dennoch, in der Unterkunft habe Panik geherrscht. "Wer macht so etwas?" Seit zwei Jahren sei er in Deutschland, seit April 2014 in Neustadt. "Nie gab es Probleme." Jetzt fühle er sich wieder wie damals. "Ich bin in Behandlung wegen postraumatischen Stresses."

Dodo will jetzt schlafen. Im rotweiß-umzäunten Bereich halten noch einige Polizisten die Stellung. "Wir sichern ab, schauen - man weiß ja nicht, wer da so rumgeht." Inzwischen häufen sich die Politiker-Stellungnahmen. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) drängt auf schnelle Aufklärung. "Bislang steht noch nicht fest, ob es sich beim Brand in der Asylbewerberunterkunft in Neustadt an der Waldnaab um einen Brandanschlag handelt", lässt er verbreiten. "Ein fremdenfeindlicher Hintergrund kann jedoch nicht ausgeschlossen werden." Die Polizei bleibt zurückhaltend: "Man kann derzeit nichts ausschließen", betont Pressesprecher Rebele. "Wir leben in erster Linie von den Aussagen."

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/asyl
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