Motivationsredner Janis McDavid präsentiert sein Buch in der Neustädter Stadthalle
„Denken Sie nicht in Grenzen“

Die Zuhörer fragten Janis McDavid (rechts) unter anderem nach dem Grund seiner Behinderung. "Ich weiß es nicht genau, und ich habe auch beschlossen, dass ich es nicht wissen will", erklärte er. Bild: Becker
 
"Wissen Sie, mir fehlen ja nur Arme und Beine." Zitat: Janis Mc Davids Antwort auf eine Frage nach Liebesbeziehungen

Er ist ohne Arme und Beine zur Welt gekommen. Aber das findet Janis McDavid gar nicht so schlimm. Wichtiger sind Humor und Lebensfreude. Vielleicht ist der Wirtschaftsstudent mit britischen Wurzeln deswegen sogar Motivationsredner geworden.

Neustadt. Vergangene Woche war er noch Talkgast im SWR-Nachtcafé. Am Mittwochabend las er in der Stadthalle Neustadt.

Die rund 90 Zuhörer klatschen, als Janis McDavid mit seinem Rollstuhl vorfährt. Gleich wird er aus seinem Buch "Dein bestes Leben - Vom Mut über sich hinauszuwachsen" vorlesen. Doch wie blättert man eigentlich um, wenn man weder Arme und Beine hat? Für McDavid kein Problem. Mit der Schulter hält er das Buch aufgeschlagen, mit dem Mund wendet er die Seiten. Als es später am Abend ans Signieren geht, verkündet McDavid dem Publikum, dass er "Rechtsbackenzähner" sei. Schon demonstriert er seine Technik. McDavid schreibt mit den Backenzähnen schöner als sie selbst. "Es funktioniert nur nicht, wenn man den Stift mit den Schneidezähnen hält", lacht er.

"Es gibt keine Einschränkungen, nur Herausforderungen" - diesen Satz wiederholt McDavid in seinem Vortrag oft. Als er aus seinem Leben erzählt, wird dem Publikum schnell bewusst, wie er das meint. McDavid wuchs im Ruhrpott auf. Er sah sich immer als ganz normales Kind und wurde auch von seinen Eltern immer so behandelt. Bis er sich mit acht Jahren bewusst im Spiegel betrachtete und ihm auffiel, dass er nicht wie die anderen Arme oder Beine hat: "Am Anfang hab ich versucht, das zu verdrängen. Ich dachte, vielleicht ist es den anderen ja noch nicht aufgefallen."

Autofahrer und Hornbläser


Von da an beginnt für den heute 25-Jährigen eine schlimme Zeit: Aus Furcht, man könnte seine Behinderung zu offensichtlich bemerken, versucht er, sie zunächst so gut wie möglich zu verstecken. Er kauft sich sogar Prothesen, um einen "normalen Körper" zu imitieren. Irgendwann wird es ihm dann aber zu blöd: McDavid sucht nach Vorteilen, die er gerade durch seine Behinderung hat. So muss er zum Beispiel nie wie seine Geschwister Schuhe kaufen gehen - eine mehrstündige Tortur von Kaufhaus zu Kaufhaus, vor der es ihnen immer graute.

Ein Schlüsselereignis in seinem Leben: Sein erster Einkauf ganz allein, ein Trip in die Welt des Konsums, ohne Eltern und ohne große Hilfe. Das hat etwas in ihm ausgelöst. "Dieses 'Einfach-mal-losgehen' habe ich mir seither zum Prinzip gemacht. Wir denken viel zu viel über Dinge nach und lassen uns dann davon abhalten. Aber irgendwann muss der bestimmte Punkt kommen: Jetzt geh ich einfach los."

Seither gibt es für McDavid eben keine Einschränkungen mehr, sondern nur noch Herausforderungen. Auf eine normale Schule zu gehen, im Schulorchester Waldhorn zu spielen, ja sogar international zu studieren: Alles konnte er irgendwie möglich machen. So, dass er ein normales Leben führen kann. Das gilt übrigens auch für Beziehungen: Auf die Frage eines Journalisten, wie es bei ihm mit Liebesbeziehungen ausschaue, habe der gebürtige Hamburger deshalb einmal geantwortet: "Wissen Sie, mir fehlen ja nur Arme und Beine."

Eine von McDavids wohl größten Herausforderungen: Durchzusetzen, dass er mit seinem eigenen Auto durch die Straßen fahren kann. Denn auf Ämtern hieß es erst, dass "ein Auto ein Luxusartikel sei" und der behindertengerechte Umbau zu teuer. Doch mit genügend Durchhaltevermögen sollte auch hier zunächst Unmögliches nach nur einem Jahr Realität werden. "Wir sollten uns immer fragen: Wenn wir sagen 'ich kann nicht' ob wir nicht eigentlich 'ich will nicht' meinen. Denken Sie nicht in Grenzen."

Barriere beginnt im Kopf


Doch McDavid gibt den Neustädtern neben motivierenden Worten auch noch eine politische Nachricht mit auf den Weg:"Helfen Sie mit, die Welt barrierefreier und inklusiver zu machen. Es gibt genug Stufen. Für jeden hier sind ein paar da."

Er spricht dabei vor allem die gesetzliche Lage zur Barrierefreiheit in Deutschland an. Laut Behindertengleichstellungsgesetz sind Gebäude von Trägern öffentlicher Gewalt zur Barrierefreiheit verpflichtet, private Dienstleistungsanbieter sind von dieser Regel jedoch weitestgehend ausgenommen. Das betrifft unter anderem Kinos, Arztpraxen oder kleinere Geschäfte. "Jede Barriere beginnt im Kopf", meint McDavid. "Es fängt beim Bauingenieur an, der nicht über die Stufen nachgedacht hat." Deshalb ist auch einer von McDavids Leitsprüchen: "Ich kann viel mehr, wenn ihr mich nicht be-hindert."

Wissen Sie, mir fehlen ja nur Arme und Beine.Janis Mc Davids Antwort auf eine Frage nach Liebesbeziehungen
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