Erster Autist am Neustädter Gymnasium mit Abitur
Julians Welt

Matthias und Sabine Ziegler (von links) haben sich weder als Helikopter-Eltern geriert noch über das Schicksal ihres autistischen Sohnes beklagt. So weit es ging, haben sie ihren Julian zu einem Teenager erzogen, der gelernt hat, mit anderen mitzuhalten und immer selbstständiger zu werden. Vorbildlich, finden Experten der Kinder- und Jugendpsychiatrie Weiden. Bild: Götz
Kultur
Neustadt an der Waldnaab
18.07.2015
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Julian tut sich schwer mit Mathematik, dafür konnte er mit vier Jahren lesen. Julian hat nie Freunde gesucht, trotzdem mochten ihn seine Klassenkameraden. Julian hat für Prüfungen mehr Zeit gebraucht als andere, aber er hat sich durchgebissen. Julian ist der erste Autist, der am Neustädter Gymnasium das Abitur geschafft hat.

Unter tosendem Beifall der anderen Hochschulreifen nahm der 19-jährige Plößberger am 28. Juni sein Abschlusszeugnis entgegen. Zuvor hatte er eine etwas andere Abiturrede gehalten. Darüber, dass er traurig war, wenn andere über eine Freistunde jubelten, oder darüber, dass er auf der Klassenfahrt nach Berlin ein separates Zimmer gebraucht hat. Julian Ziegler geht selbstironisch mit seiner Behinderung um. Er leidet am Asperger-Syndrom, einer Form des Autismus.

Die ist keineswegs so lustig, wie es in der Aula klang. Umso bemerkenswerter ist die Leistung des Teenagers, seiner Eltern und seiner Schulbegleiterin Helga Markl. Dieses Quartett überlegt nun, was aus dem jungen Mann werden soll. Am besten das, was sich die wenigsten Abiturienten für ihre Zukunft wünschen. "Etwas mit keinen oder nur wenigen sozialen Kontakten", sagt Mutter Sabine Ziegler. "So was wie ein Musikarchiv, bei dem er Radiosendungen zusammenstellen kann."

Allein nach Berlin

Vielleicht später auch mal ein Psychologiestudium. "Aber nur, wenn nicht zu viel Mathe dabei ist", weiß Julian um seine Schwächen. Doch jetzt steht erst einmal ein weiterer Schritt ins Erwachsenenleben an. Julian will eine Freundin in Berlin besuchen. Allein in eine fremde Stadt - für einen Autisten ist das eine enorme Herausforderung. Gewohnte Wege verlassen, neue Situationen einschätzen, stellt einen "Aspie" vor Probleme. "Aber er will Berlin aus eigenem Willen probieren, also soll er", ermuntert Vater Matthias, der in Weiden eine Werbeagentur betreibt, den Filius.

Er zwingt den Jungen zu nichts, weiß aber, dass Julian zu Unglaublichem fähig ist, wenn er es sich in den Kopf gesetzt hat. Etwa, als er als Kleinkind im Schätzlerbad plötzlich die Schwimmflügel weghaben wollte und sich trotz gestörter Motorik über Wasser halten konnte. Oder dass er mit vier Jahren aus heiterem Himmel anfing, auf Englisch bis 100 zu zählen. Julian hat gerne gelernt. In Sprachen ist er ein Ass, Konzentration fällt ihm nicht allzu schwer.

Führerschein bleibt tabu

"Dafür ging in den Naturwissenschaften nichts", lächelt die Mutter. Nicht alle Autisten sind Zahlengenies wie Dustin Hoffman im Film "Rain Man". Asperger-Patienten leiden unter Wahrnehmungsstörungen. Julian kann nicht dreidimensional denken oder Entfernungen abschätzen. Deshalb darf er nicht den Führerschein machen, obwohl er sich selbst das Radfahren beigebracht hat.

Der entscheidende Punkt: Julian muss wollen, er muss sich für etwas begeistern. Fehlt das Interesse, kann sich der 19-Jährige schwer überwinden, sich mit der Materie zu beschäftigen. Das treibt skurrile Blüten. Etwa wenn Julian in Englisch, einem seiner Lieblingsfächer, in den höheren Klassen absackt, weil ihn gesellschaftspolitische Themen bei Erörterungen kalt lassen. Das Asperger-Syndrom macht ihn zwar zu einem peniblen Grammatiker, sobald es an Abstraktion oder Kreativität geht, funkt die Behinderung dem intelligenten jungen Mann aber dazwischen.

Da war diese Schulaufgabe in Geschichte: Es galt, ein Thema anhand einer zeitgenössischen Karikatur zu interpretieren. Der Autist sieht dabei lediglich ein paar gezeichnete Strichmännchen und Gegenstände. In Beziehung setzen kann er sie nicht. Wegen solcher Situationen mussten Eltern und Lehrer beim Ministerialbeauftragten "Extraklausuren auf gleichem Niveau" beantragen. Das hieß zum Beispiel, dass Julian immer mündlich in Geometrie geprüft wurde - schwierig, wenn es um Kantenlängen von Würfeln oder das Volumen eines Zylinders geht.

"Trotzdem hat er die Schule geliebt, das Problem waren die Ferien", sagt die Mutter. Julian bestätigt sie. "Die Lehrer waren für mich Heilige, selbst die größte Nervensäge in Mathe." Pubertäre Streiche oder Tricksereien kamen für den Buben deshalb nicht in Frage. So etwas isoliert. "Aber er hat die Kontakte zu den anderen nie vermisst", hat sich Sabine Ziegler mit der Eigenart des Sohnes arrangiert. Auch Pädagogen mussten erst lernen, wie sie den Buben anpacken. So musste der Vater schon im Kindergarten einer Erzieherin klar machen, dass Julians Talente anders geartet sind. Der Junge wollte nicht mit der Schere aus Zeitungspapier Hüte und Schiffe basteln, sondern hat nur auf das Blatt gestarrt. "Dafür hat er mir am Abend haarklein erzählt, was in der Zeitung stand." So etwas hat zunächst niemand interessiert. Auch den Kunsterzieher nicht, wegen dem Julian beinahe durchgefallen wäre, weil er als Autist einfach nicht assoziieren kann.

Oldie-Experte

Sei's drum: Inzwischen hat Julian das Abitur mit dem Schnitt 3,5 in der Tasche. Im Gegensatz zu vielen Gleichaltrigen hat er schon eine Berufsvorstellung: "Bei einem Oldie-Sender arbeiten, das wär's." Julian kann mit den Helden seiner Generation nichts anfangen. Statt Bushido und Rhianna hört er lieber die Dinosaurier-Bands aus der Jugend seiner Eltern: Alan Parsons Project, Asia, Supertramp. Absoluter Favorit sind Barclay James Harvest.

Über Musik aus dieser Epoche macht dem 19-Jährigen niemand etwas vor. Das eröffnet ihm neue soziale Möglichkeiten. Über ein Internetforum zu Barclay James Harvest hat er in Freiburg einen Freund gefunden, der 30 Jahre älter ist. Bald wollen sich die beiden mal treffen.

Hilfreiches Internet

Für den Asperger-Mann ist das weltweite Netz ein Segen. Wenn Julian sein Gegenüber nicht sehen oder in einem öffentlichen Raum treffen muss, kann er offen und schlagfertig kommunizieren. Der Cyberspace ist der Asperger-Welt wohlgesonnen. "Am Telefon melden, jemanden beim Vorstellen die Hand geben, das mag er nicht," erklärt Sabine Ziegler Julians Defizite.

Doch in dieser Hinsicht kann sich noch viel tun. So konnte der Teenager in der Kindheit keine Live-LPs seiner Lieblingsbands ertragen. Geräusche, Spontaneität, Massenveranstaltungen - so etwas löst in ihm nichts Gutes aus. Inzwischen hat Julian Barclay James Harvest aber schon zweimal in der Halle gesehen. Bestimmt nicht zum letzten Mal.
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