Am Puls der Zeitzeugen

Johann Nickl ist gelernter Glasschleifer. Er geht aber vor wie ein Historiker. Er will Informationen von Augenzeugen, wenn er Ereignisse einordnet: von KZ-Häftlingen, von Osteuropäern, denen der Eiserne Vorhang die Luft nahm. So einer kann seriös mitreden, wenn allerorten an Kriegsende und Befreiung vor 70 Jahren erinnert wird.

Heuer ist Nickl zum vierten Mal bei den alljährlichen Treffen der ehemaligen Häftlinge in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg dabei. Warum kann der 76-Jährige selber nicht so genau erklären. "Ich will einfach sagen können, ich habe mit diesen Leuten gesprochen. Ich weiß, wie es war."

"Diese Leute" hat er zum ersten Mal 1944 als Fünfjähriger gesehen. Zwangsarbeiter, die in Neustadt durch die Flosser Straße getrieben wurden, vorbei am Haus, wo der kleine Johann mit seiner älteren Schwester und seiner Mutter im ersten Stock gewohnt hat.

"Ein Schock"

Er vermutet, dass es Gefangene aus Flossenbürg waren, die da unter seinem Fenster vorbeizogen. Was da vor seiner Nase passiert ist, konnte der Dreikäsehoch nicht einschätzen. Doch ein Bild bekommt er nicht aus dem Kopf: "Einer von denen hat sich zum Straßengraben gebückt und vor lauter Hunger ein Büschel Gras in den Mund gestopft. Den hat ein Wachmann sofort verprügelt."

"Mir steigt heute noch das Wasser in die Augen, wenn ich darüber rede. Das war ein Schock", gluckst er kurz. Dabei hatte es ein bisschen wie ein Abenteuer begonnen. Johann Nickl und ein Nachbarsbub hatten auf der Straße gekochte Kartoffeln für die Zwangsarbeiter ausgelegt. Die wurden in Windeseile aufgeklaubt, sofern Wachleute nahe der großen Kurve in der heutigen Äußeren Flosser Straße absichtlich in die Luft geschaut haben. "Dann gab es noch die anderen, die mit ihren Stiefeln die Kartoffeln in den Teer getreten haben." Das alles haben die Buben beobachtet, als sie hinter Zaunlatten versteckt die Häftlingstrupps erblickten. Mit Billigung von Johanns Mutter. "Die hat nur immer wieder gesagt, dass wir uns ja nicht erwischen lassen sollen." Warum, weshalb, wieso - darüber hat die Mama nicht gesprochen. "Heute weiß ich, dass sie sich lange widersetzt hat, in die NS-Frauenorganisation in Neustadt einzutreten."

Gefahr an der Bergmühle

Den Vater hat der Kleine während seiner ersten Lebensjahre kaum zu Gesicht bekommen. Seit seinem Geburtsjahr 1939 war der Senior im Krieg, den er mit viel Glück überlebte. Die Frauen, mit denen er aufwuchs, hat er als patent und solidarisch in Erinnerung. Etwa als sie sich gegenseitig halfen, Holz von der Bergmühle den steilen Weg rauf in die Stadt zu transportieren.

Gleich in der Nähe des Sägewerks war eine Barackensiedlung für Zwangsarbeiter. Wie die Mutter erzählte, hat ein Wachmann den Frauen sein Herz ausgeschüttet. Er könne es kaum mehr mit ansehen, wie die Gefangenen schuften und dabei kaum etwas zu essen bekämen. So kam es, dass Johann und andere Kinder beim Spielen rund um das Holzwerk Brotscheiben zwischen den Latten versteckten.

Wäre das aufgeflogen, ist ungewiss, ob wieder ein Wächter ein Auge zugedrückt hätte. Denn sadistische Überzeugungstäter in Uniform waren nicht weit. "Das sind keine Menschen, das sind Schweine": Diesen Satz bekam Johanns Tante aus Plankenhammer zu hören, als sie auf dem Weg nach Floß eine Kolonne KZ-Häftlinge sah und hörbar Mitleid äußerte. Von einem Konzentrationslager, der SS, den Zügen mit Gefangenen nach Flossenbürg hat der Bub selbst keine Vorstellung gehabt. Inwieweit die Erwachsenen Bescheid wussten, mag er nicht beurteilen. Heute müsste aber jedem klar sein, was damals passiert ist. "Erst vor einem halben Jahr bin ich mit einer Frau aneinandergeraten, die fünf Jahre älter ist als ich und gesagt hat, das alles nicht so schlimm war."

Dann zittert sich die ruhige Stimme Nickls in Rage. Geschichte aus erster Hand ist so etwas wie sein Hobby. "Deswegen werde ich fuchsteufelswild, wenn ich manchmal höre, die faulen Hunde in der DDR hätten nichts zustande gebracht."

Osteuropa hautnah

Nickl hat Ostdeutschland sowie Polen, Tschechien, Ungarn und die Slowakei mehrfach per Rad bereist. Diese Touren, unter anderem 550 Kilometer entlang der früheren Oder-Neiße-Linie, hat die katholische Ackermann-Gemeinde organisiert. "Dabei haben wir immer bei Privatleuten übernachtet, die viel über sich und ihr Land erzählt haben." Das gefällt dem Senior. Er hört gerne zu. Der leidenschaftliche Zeitungsleser besucht Vorträge von Wirtschaftswissenschaftlern in Weiden ebenso wie von Geologen an der KTB. "Auch wenn ich oft nicht alles verstehe, ein bisschen was nimmt man mit."

Dass er selbst die junge Generation erreicht, freut ihn ungemein. Letztes Jahr hat ihn seine zwölfjährige Enkelin zum Flossenbürger Häftlingstreffen begleitet. Dort hat er sich ein Buch über das KZ von zwei früheren italienischen Insassen signieren lassen. Deren Erinnerungen haben auch das Mädchen gefesselt. Eigentlich wollte er das Buch selber behalten, aber dann hat er dem Kind doch den Wunsch nach einem Geschenk erfüllt. "Sie soll wie ich einmal sagen können, dass sie die Leute kennengelernt hat und Bescheid weiß."

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/kriegsende
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